Sleepmaxxing: Wenn Schlaf zum Optimierungsdruck wird

GESUNDER SCHLAF | Sleepmaxxing

Wie viel Leben kostet der perfekte Schlaf?

Warum Sleepmaxxing Druck machen kann – und was dagegen hilft. Dieser Frage geht Gastautor Julian Reitbauer nach. Er zeigt, wie aus dem Wunsch nach Erholung neuer Leistungsdruck entstehen kann – und warum manchmal weniger mehr ist.


Von Julian Reitbauer, Gastautor (hochblau Magazin)
21.10.2026
Lesezeit: ca. 4 Minuten


AUSGESCHLAFEN? Guter Schlaf soll Erholung bringen. Doch wer jede Nacht optimieren möchte, setzt sich möglicherweise zusätzlich unter Druck Foto: Drobot Dean / Adobe Stock

Der Tag war lang. Eigentlich möchte man nur noch ins Bett. Doch kaum liegt man da, beginnt das Rechnen: Wie viele Stunden bleiben bis zum Wecker? Wird das reichen? Und warum war der Schlafwert gestern schon wieder so schlecht? Plötzlich hat man selbst nachts das Gefühl, etwas besser machen zu müssen.

Sleepmaxxing heißt der Trend, möglichst viel aus dem eigenen Schlaf herauszuholen. Mithilfe von festen Routinen, Schlaftrackern und verschiedenen Hilfsmitteln sollen Schlafdauer und Schlafqualität verbessert werden. Der Wunsch dahinter ist verständlich. Wer morgens müde aufsteht, möchte etwas ändern. Schwierig wird es, wenn sich dafür irgendwann der ganze Abend um die perfekte Nacht dreht. [1]

Wenn Schlaf zum Wettbewerb wird

Ich bin 20 Jahre alt, und auch in meinem Freundeskreis zeigt sich, welche Rolle Schlaftracker inzwischen spielen. Ob WHOOP oder Garmin: Oft werden morgens zuerst die Schlafwerte miteinander verglichen. Wie lange hast du geschlafen? Wie war dein Wert? Wer hat sich am besten erholt? Schlaf wird damit nicht nur beobachtet, sondern zunehmend gemessen und verglichen. Grundsätzlich ist das wachsende Interesse am eigenen Schlaf positiv. Problematisch kann es werden, wenn daraus der nächste Wettbewerb entsteht.

Tagsüber wollen wir produktiv sein, beim Sport Fortschritte machen und jetzt möglichst auch nachts gute Werte erreichen. Aber wann haben wir eigentlich noch frei von der Frage, wie gut wir gerade abschneiden? Genau hier liegt die Grenze: wenn der Schlaftracker nicht mehr nur Orientierung gibt, sondern selbst aus einer eigentlich erholsamen Nacht das Gefühl macht, wieder etwas optimieren zu müssen.

Dann wird das Essen mit Freunden früher verlassen, damit der Zeitplan hält. Oder ein spontaner Abend fühlt sich plötzlich falsch an, weil die gewohnte Routine ausfällt. Man liegt zwar rechtzeitig im Bett, beschäftigt sich im Kopf aber weiter mit der Frage, ob man heute alles richtig gemacht hat.

Sich bewusst Zeit für Schlaf zu nehmen, ist sinnvoll. Doch wenn daraus die Angst entsteht, bloß nichts falsch zu machen, kann der Versuch nach hinten losgehen: Sorgen darüber, nicht genug zu schlafen, können Schlafprobleme verstärken. So wird aus dem Wunsch nach Erholung zusätzlicher Druck. [2]

PASST ALLES? Schlafqualität in Zahlen: Wearables und Apps machen Schlafmuster sichtbar. Wer die Werte ständig vergleicht, kann sich damit allerdings auch unter Druck setzen Foto: ChayTee/Adobe Stock

Was uns abends wirklich wachhält

Dabei lohnt sich oft zuerst ein Blick auf das, was einen abends tatsächlich wachhält. Man schaut noch Videos über besseren Schlaf und merkt kaum, wie spät es geworden ist. Der Kaffee vom späten Nachmittag gehört längst zur Gewohnheit. Zum Abschalten soll dann ein Glas Wein helfen. Doch Alkohol kann zwar zunächst schläfrig machen, den Schlaf später in der Nacht aber stören. Auch Koffein vor dem Schlafengehen kann das Einschlafen erschweren. [3]

Es hilft also wenig, den Abend mit immer neuen Schlaftipps zu füllen, während diese Gewohnheiten bleiben. Ein guter Anfang ist, die Dinge zu verändern, die das Abschalten erschweren. Das lässt sich auch ohne aufwendiges Abendprogramm angehen.

Der Tag braucht ein Ende

Wie stark das Thema inzwischen auch Unternehmen beschäftigt, erlebe ich selbst bei Moodsup, dem Wiener Unternehmen, das ich mitgegründet habe. Unter dem Begriff „Switch OFF“ beschäftigen wir uns dort mit dem bewussten Ende des Tages und Gewohnheiten wie ständigem Scrollen, Erreichbarkeit und spätem Koffeinkonsum.

Denn wahrscheinlich braucht nicht jeder Mensch jeden Abend sieben verschiedene Rituale. Vielleicht braucht es manchmal nur ein klares Signal: Der Tag ist jetzt vorbei. Und genau das fällt vielen Menschen überraschend schwer. Wir sind daran gewöhnt, jederzeit erreichbar zu sein. Noch kurz eine Mail beantworten. Eine Nachricht lesen. Nachrichten checken. Ein Video anschauen. Den morgigen Kalender öffnen. Etwas nachbestellen. Noch schnell herausfinden, warum man heute nicht schlafen kann.

Es gibt kaum noch einen natürlichen Punkt, an dem der Tag tatsächlich endet. Früher war irgendwann schlicht nichts mehr los. Heute befindet sich im eigenen Schlafzimmer ein Gerät, auf dem Freunde, Arbeit, Unterhaltung, Nachrichten, Shopping und praktisch das gesamte Internet gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen. Natürlich ist das Smartphone nicht für jede schlechte Nacht verantwortlich. Und niemand muss sein Handy um 20 Uhr in einen Tresor sperren.

SCHLAF NEU DENKEN Julian Reitbauer (rechts) beschäftigt sich nicht nur privat mit gutem Schlaf. Gemeinsam mit seinem Bruder Sebastian Reitbauer (links) geht er auch beruflich der Frage nach, was guten Schlaf ausmacht Foto privat

Kleine Veränderungen statt perfekter Routinen

Was das konkret heißen kann, ist überschaubar: Das Handy vor dem Schlafengehen außer Reichweite legen. Beim späten Kaffee auf etwas Koffeinfreies wechseln und Alkohol nicht als Einschlafhilfe nutzen. Dazu möglichst regelmäßige Schlafzeiten und ein ruhiger Ausklang, auf den man sich freut. Solche Grundlagen empfiehlt auch die US-Gesundheitsbehörde CDC. Man muss dafür nicht gleich den ganzen Alltag umbauen. Eine Gewohnheit zu verändern, ist ein Anfang. [4]

Und wenn eine Nacht trotzdem schlecht läuft, hat man nicht versagt. Wer regelmäßig schlecht schläft, sollte das ärztlich abklären lassen. Eine einzelne Nacht muss aber nicht zum Anlass werden, die gesamte Abendroutine infrage zu stellen. Schließlich möchte man besser schlafen, um mehr vom Leben zu haben. Es wäre schade, wenn am Ende nur noch die Vorbereitung aufs Schlafen übrigbleibt.

Wir verbringen rund ein Drittel unseres Lebens schlafend. Natürlich verdient Schlaf unsere Aufmerksamkeit. Aber wenn wir anfangen, jeden Bereich unseres Lebens zu messen, zu bewerten und miteinander zu vergleichen, geht irgendwann die Leichtigkeit verloren. Wir wollen schließlich ausgeschlafen sein, um etwas vom Leben zu haben. Dafür muss auch Platz für einen spontanen Abend bleiben, der in keinen Schlafplan passt.

Ergänzende Information

Zahlen, Daten, Fakten

ÜBER DEN AUTOR
Julian Reitbauer (20) ist Mitgründer und COO des Wiener Unternehmens Moodsup. Als Angehöriger der Gen Z erlebt er in seinem eigenen Umfeld, wie Schlaftracking, feste Abendroutinen und Selbstoptimierung zunehmend den Alltag prägen. Auch beruflich beschäftigt er sich mit der Frage, wie Menschen am Ende des Tages besser abschalten können.

Weitere Informationen zu Moodsup unter www.moodsup.at.

ABBILDUNGEN
Beitragsbild © Drobot Dean / Adobe Stock, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen


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