Weitwandern mit Wirkung: Was lange Wege mental auslösen

Mentale Gesundheit unterwegs

Weitwandern mit Wirkung

Weitwandern soll befreien, doch oft reisen ungelöste Fragen mit. Sabine Prinz erzählt vom Westweg, von einem mentalen Tiefpunkt unterwegs und davon, warum mentale Stärke mehr ist als Motivation.


Von Sabine Prinz, Gastautorin (hochblau Magazin)
31.05.2026
Lesezeit: ca. 6 Minuten


ANKOMMEN MIT WEITBLICK Der Westweg endet in Basel – doch kurz vor dem Ziel öffnet sich noch einmal der Blick über Lörrach, Hügel und Wege Foto: Sabine Prinz

Einfach losgehen und als anderer Mensch zurückkommen.
– Sabine Prinz –

So oder so ähnlich klingen viele Geschichten übers Weitwandern oder Pilgern. Auch ich wollte Abstand gewinnen: vom Alltag, von Fragen, die mich mit 40 zunehmend beschäftigten. Ist das der Job, der mich erfüllt? Habe ich genug Zeit für meine Familie? Lebe ich das Leben, das ich mir wünsche?

Also packte ich meinen Rucksack und startete allein auf den Westweg im Schwarzwald: knapp 300 Kilometer, rund 9.000 Höhenmeter, zwei Wochen. Viel Zeit zum Nachdenken, wenig Ablenkung und Abstand zum Alltag. Genau das, was ich gesucht hatte.

DER WEG IST MARKIERT Die rote Raute weist auf dem Westweg zuverlässig die Richtung. Was sie nicht abnimmt: die inneren Fragen, die unterwegs mitgehen Foto: Sabine Prinz

Einfach losgehen und verwandelt zurückkommen?

Die Vorstellung war verlockend: Ich gehe los, lasse mit jedem Schritt ein bisschen Alltag hinter mir und komme am Ende leichter, klarer, vielleicht sogar irgendwie neu zurück. Eine lange Wanderung als Reset. Als Pause vom Funktionieren. Als Weg zu mir selbst.

Und natürlich kann Wandern genau das sein. Es kann sortieren, beruhigen, den Blick weiten. Es kann uns zeigen, was wirklich wichtig ist, weil draußen vieles einfacher wird: ein Weg, ein Rucksack, ein Ziel für den Tag.

Aber es wäre zu einfach zu glauben, dass sich Fragen nur deshalb lösen, weil man sie über viele Kilometer trägt. Manchmal passiert erst einmal das Gegenteil. Der Weg wird stiller, die Ablenkung weniger, die Gedanken lauter.

ALLEIN UNTERWEGS Auf langen Wegen kann die Stille groß werden: mal hell und weit, mal neblig und schwer. Genau dort beginnt oft die eigentliche Auseinandersetzung Foto: Sabine Prinz

Wenn Probleme mitwandern

Die Realität holte mich schon am dritten Tag schneller ein als gedacht. Es war heiß und ungewohnt anstrengend, mehrere Tage am Stück mit Rucksack und ohne Gepäcktransfer zu gehen. Außerdem war ich hungrig, weil die Gaststätte unterwegs ungeplant geschlossen war. Meine Füße schmerzten, und es lagen noch viele Kilometer vor mir.

Und plötzlich waren sie wieder da: all die Themen, die ich eigentlich hinter mir lassen wollte. Gedanken kreisten, Selbstzweifel wurden lauter. „Noch nicht mal eine Wanderung schaffe ich“, dachte ich, während ich völlig erschöpft um 17 Uhr in der prallen Sonne am Wegrand saß. Besorgt rechnete ich aus, ob ich es überhaupt noch bei Tageslicht bis zum Hotel schaffen würde.

In diesem Moment hielt auf dem schmalen Waldweg vor mir ein Auto. Das Fenster ging herunter, und eine Frau fragte: „Du schaust arg erschöpft aus. Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“

Der Pilzduft im Auto und die fröhliche Unterhaltung beruhigten mich wieder. Im Hotel blieb sogar noch Zeit für einen Saunagang. Trotzdem fragte ich mich, warum sich alles so schwer anfühlte. Irgendwie funktionierte das nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Keines meiner Probleme löste sich beim Gehen von allein. Das Grübeln wurde sogar stärker. Schließlich hatte ich ungestört den ganzen Tag Zeit zum Nachdenken.

RAUM ZUM SORTIEREN Zwischen Wald, Wasser und Weite entsteht manchmal genau der Abstand, den Gedanken brauchen, um klarer zu werden Fotos: Sabine Prinz

Total Pain auf dem Wanderweg

Als ehrenamtliche Hospizbegleiterin kenne ich das Total-Pain-Konzept von Cicely Saunders. Es beschreibt Schmerz als Zusammenspiel von vier Dimensionen: körperlich, psychisch, sozial und spirituell. Und plötzlich wurde mir klar: Genau das erlebte ich gerade.

Nicht nur Hitze, Hunger und Erschöpfung wirkten auf mich. Auch innere Konflikte, Einsamkeit, Sinnfragen und unrealistische Erwartungen verstärkten sich gegenseitig. Was körperlich begann, wurde schnell emotional. Was als Müdigkeit spürbar war, öffnete die Tür zu Selbstzweifeln. Was ich als Abstand gesucht hatte, fühlte sich kurzzeitig wie Alleinsein an.

Wer wandert, trägt eben nicht nur Ausrüstung. Wir tragen auch Gedanken, Rollen, Sorgen, Hoffnungen und alte Sätze mit uns. Manchmal sind sie schwerer als der Rucksack.

Mehr als Motivation

Viele mentale Krisen auf langen Wegen haben wenig mit fehlender Willenskraft zu tun. Kognitive Verzerrungen wie Katastrophisieren oder der ständige Vergleich mit anderen können demotivieren. Dann hilft nicht immer ein „Reiß dich zusammen“ oder „Du musst nur durchhalten“.

Wer sein persönliches Warum nicht kennt, wer keine Rückfallebene hat oder in schwierigen Momenten ganz allein mit sich bleibt, verliert schnell den inneren Halt. Gerade beim Weitwandern treffen körperliche Belastung und mentale Themen oft sehr direkt aufeinander. Schlaf, Essen, Wetter, Schmerzen, Orientierung, Erwartungen: Alles wirkt zusammen.

Die gute Nachricht: Das Total-Pain-Konzept funktioniert auch als Aufwärtsspirale. Wenn sich Belastungen gegenseitig verstärken können, können sich stärkende Faktoren ebenfalls verbinden. Eine Pause hilft nicht nur dem Körper. Ein klarer Gedanke kann den nächsten Schritt leichter machen. Ein Gespräch kann Einsamkeit auflösen. Ein kleiner Sinnanker kann durch einen schwierigen Tag tragen.

Aus meiner Erfahrung als Wanderführerin, Coachin und Teamleiterin kenne ich viele Methoden, Tipps und Tricks, die an diesen vier Feldern ansetzen. Auf den folgenden Wandertagen fand ich heraus, welche davon besonders gut zum Wandern passen und auch unterwegs funktionieren.

EIN NEUER BLICK Manchmal verändert der Weg nicht sofort das Leben. Aber er verschiebt die Perspektive – und daraus kann eine neue Richtung entstehen Foto: Sabine Prinz

Eine besondere Reise

Auf dem Westweg reifte in mir eine Idee: Menschen auf solchen Wegen nicht allein zu lassen. Es funktioniert eben nicht immer, einfach loszulaufen und mit einem klaren Plan zurückzukommen. Sich selbst aus mentalen Tiefpunkten herauszuhelfen, ist selbst mit Erfahrung schwer – besonders ohne passendes Handwerkszeug und unter Bedingungen wie körperlicher Erschöpfung.

Noch bevor ich in Basel, dem Ziel des Westwegs, ankam, war mir klar, dass mein Berufsleben eine neue Richtung einschlagen würde. Heute verbinde ich als Coachin, Wanderführerin und Reiseveranstalterin die Kraft des Gehens in der Natur mit Coachingimpulsen und der Gemeinschaft einer kleinen Gruppe. Bei begleiteten Wanderreisen zu wunderschönen Zielen schaffe ich zu je einem Schwerpunktthema einen sicheren Rahmen, um persönliche Fragestellungen strukturiert auf dem Weg anzugehen.

Und wer doch lieber allein losziehen möchte, der sollte sich vorher einen mentalen Rucksack packen: als leichte Hilfe für lange Touren und als Rückfallebene, wenn es schwierig wird. Dann kann es beruhigt losgehen mit dem ganz persönlichen Abenteuer Weitwandern.

Zahlen, Daten, Fakten

ÜBER SABINE PRINZ
Sabine Prinz ist zertifizierte DWV-Wanderführerin® und erfahrene systemische Coachin. Als Reiseveranstalterin verbindet sie Naturerlebnis und Persönlichkeitsentwicklung zu besonderen Coaching-Wanderreisen, die bewusst mehr sind als klassische Touren. Jede Reise steht unter einem eigenen Thema und richtet sich an Menschen in Umbruchphasen – etwa bei einem Berufswechsel, nach einer Trennung, zum Start in den Ruhestand oder nach einer belastenden Zeit. In der Bewegung in der Natur schafft sie Raum für Klarheit, neue Perspektiven und kraftvolle nächste Schritte – immer eingebettet in eindrucksvolle Landschaften und achtsame Begleitung.

TERMINE MIT SABINE PRINZ
Im Juni 2026 ist Sabine Prinz wieder auf dem Lechweg unterwegs. „Mehr als Rente“ lautet das Thema der Wanderung (6 Wandertage). Im August 2026 bietet die Autorin die Tour „Kraft schöpfen“ an, mit dem Ziel Millstätter See (4 Wandertage). Freie Plätze waren zu Redaktionsschluss noch vorhanden.

Website von Sabine Prinz mit Detailinformationen:
www.prinzpiration.de

ÜBER DEN WESTWEG
Der Westweg gehört zu den großen Klassikern unter den deutschen Fernwanderwegen. Er führt von Pforzheim in Nord-Süd-Richtung durch den Schwarzwald bis nach Basel, ist mit der roten Raute markiert und umfasst rund 285 Kilometer sowie knapp 9.000 Höhenmeter. Je nach Variante, Kondition und Etappenplanung sind Wandernde meist etwa 12 bis 14 Tage unterwegs.

EMPFEHLUNG DER REDAKTION
KRAFT SCHÖPFEN UNTERWEGS Acht Menschen, ein Fluss und die Suche nach neuer Kraft: Eine Wanderreise auf dem Lechweg zeigt, wie Bewegung, Begegnung und Stille wieder in Balance bringen. »zum Beitrag Wanderreise auf dem Lechweg: Dem eigenen Lebensfluss folgen

ABBILDUNGEN
Beitragsbild © Sabine Prinz, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen

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