Dem eigenen Lebensfluss folgen: Kraft schöpfen auf dem Lechweg

Kraft schöpfen unterwegs

Wanderreise auf dem Lechweg: Dem eigenen Lebensfluss folgen

Acht Menschen, ein Fluss und die Suche nach neuer Kraft: Eine Wanderreise auf dem Lechweg zeigt, wie Bewegung, Begegnung und Stille wieder in Balance bringen.


Von Sabine Prinz, Gastautorin (hochblau Magazin)
21.04.2026
Lesezeit: ca. 4 Minuten


GEFÜHRTE WANDERREISE Der junge Lech vor Lech am Arlberg Foto: Sabine Prinz

Unterwegs mit Wanderführerin Sabine Prinz

Der Bus hält am Formarinsee. Als wir aussteigen, liegt der Duft von Sommer, Alpenluft und frischem Kuhfladen in der Luft. Auf der Fahrt hierher haben wir uns durch mehrere Rinderherden geschoben. Ein erster Einblick auf das, was uns in den kommenden Tagen begleiten wird: viel Natur in einer der letzten Wildflusslandschaften Europas.

Acht Menschen stehen am Ufer des türkisfarbenen Sees, vor ihnen blubbert unscheinbar die Quelle des Lech: die Reiseleiterin Sabine Prinz, DWV-Wanderführerin mit Coaching-Erfahrung, zwei Paare, drei Alleinreisende – alle in verschiedenen Lebensphasen mit unterschiedlichen Geschichten. Manche kommen nach längerer Erkrankung, andere nutzen die Auszeit als Bildungsurlaub, um im Berufsleben resilienter zu werden, wieder andere sind im Ruhestand und spüren: Da geht noch mehr. Sechs Tage lang wird die Gruppe zusammen unterwegs sein, auf einer geführten Wanderung zum Thema „Kraft schöpfen“. Jeden Tag ein Stück weiter, von Unterkunft zu Unterkunft – und auch im Kopf.

Durch bewusstes Gehen, gezielte Impulse und den Austausch in der kleinen Gruppe entsteht Schritt für Schritt ein Raum, in dem Klarheit wachsen darf. Neue Perspektiven zeigen sich oft ganz leise – zwischen zwei Etappen, in einer Pause am Wegesrand oder im Gespräch am Abend. Die Tage laden dazu ein, die eigenen Ressourcen wiederzuentdecken und zu spüren, wie viel Kraft bereits vorhanden ist. Und vielleicht wird genau hier deutlich: Der nächste Schritt in Richtung Veränderung beginnt nicht irgendwann – sondern genau jetzt, heute und aus eigener Stärke heraus.

ANFANG Steinbock-Denkmal am Beginn des Lechwegs Foto: Sabine Prinz

Reduktion auf das Wesentliche

Viele tragen zum ersten Mal über mehrere Tage einen Rucksack. Schon vor der Reise beginnt der Prozess des Reduzierens. Was brauche ich wirklich? Für manche war es eine kleine Überwindung, sich dieser Herausforderung zu stellen. Und genau deswegen gehört es auch zum Konzept: Schon hier fängt die Selbstwirksamkeit an. Jede:r trägt alles bei und in sich, was er braucht. Das macht stolz und stimmt zuversichtlich, dass man die mitgebrachten mentalen Themen ebenfalls voranbringen kann.

Wir begleiten den Lech von seinem Ursprung bis zum Lechfall in Füssen. Kaum ein anderer Weg bietet so viele Analogien zum Leben. Jeder bekommt ein kleines Büchlein, in das wir immer wieder Notizen machen, Gedanken zu Impulsen während der Pausen und auf dem Weg festhalten. „Wofür steht dieser erste Zufluss in deinem Leben?“ Diese und weitere Fragen begleiten uns auf dem gesamten Weg. Mal gehen wir diesen Fragen allein nach, mal zu zweit im Gespräch beim Laufen, dann wieder in der ganzen Gruppe, aber nur, wer möchte – es gibt keinen Zwang.

DER LECH Eine der letzten Wildflusslandschaften Foto: Sabine Prinz

Gemeinsam unterwegs

Bereits am zweiten Tag, auf dem Weg von Lech am Arlberg nach Warth, ist da eine erstaunliche Vertrautheit. Gespräche entstehen mit einer Offenheit und Tiefe, die man so mit Freund:innen, Kolleg:innen oder der Familie kaum führt. Vielleicht, weil hier niemand eine Rolle erfüllen muss. Vielleicht, weil wir gemeinsam gehen, im gleichen Tempo und mit vielen Pausen, die Raum lassen zum Nachdenken. Und gleichzeitig wandern wir mit einer ungewohnten Leichtigkeit. Wir freuen uns miteinander an den Ausblicken und besonderen Erlebnissen: Als plötzlich eine Pferdeherde aus dem Wald auf eine Wiese galoppiert, spüren auch wir Aufbruchsstimmung.

Am dritten Tag, auf dem Weg nach Steeg, ist es heiß. Wir machen eine Rast am Fluss und baden die Füße im kühlen Wasser. Währenddessen nutzen wir unser Notizbuch für eine Skizze. Es ist gar nicht so einfach, Berge zu zeichnen. Das schult den Blick, gewohnte Dinge anders zu sehen. Nach einer Übung sagt eine Teilnehmerin, die eigentlich nur ihrem Partner zuliebe mitgekommen ist: „Und ich dachte, Coaching wäre nur was für Manager.“ Sie erkannte, dass ein ungeliebtes Laster gar kein Krafträuber ist, sondern ein ganz anderes Bedürfnis offenbart.

MOMENTE Ob Kuhle Wegbegleitung oder bunte Blumenwiese. Momente zum innehalten gibt es immer wieder auf dem Lechweg Fotos: Sabine Prinz

Raum für Rückzug

Am nächsten Abend, bei der Ankunft in Bach, sind alle stolz auf sich selbst. Wir haben die spektakuläre, einst längste Hängebrücke Österreichs bei Holzgau überquert! Mit über 200 Metern Länge in einer Höhe von 110 Metern ist sie ein Highlight auf dem Lechweg. Alle haben sich getraut, niemand wollte die Umgehung nutzen, auch wenn es für manche eine Überwindung war. Die Gruppe gibt Halt und auch das Selbstvertrauen ist in den letzten vier Tagen schon merklich gestiegen. Da tut es gut, zur Belohnung die Füße im Wellness-Bereich des Hotels hochzulegen.

Es gibt jeden Tag eine kleine, liebevolle Überraschung als einen letzten Tagesimpuls aufs Zimmer. Manche von uns lassen den Tag gemeinsam ausklingen und sitzen noch lange zusammen, um über die Erkenntnisse des Tages zu sprechen oder sich voneinander zu erzählen. Andere ziehen sich zurück auf ihr Zimmer, weil sie in Ruhe die Gedanken nachwirken lassen möchten, die Füße hochlegen oder ein heißes Bad genießen wollen. Diese Freiheit hat jeder, ohne sich gleich zum Außenseiter zu machen. Wir wachsen zusammen, ohne uns zu verlieren. Wie der Fluss, der uns begleitet.

RUHE UND KRAFT Der Lechweg gibt uns viel zurück, ob durch weite Landschaften oder spirituelle Rückzugsorte, wie der Costarieskapelle Fotos: Sabine Prinz

Aha-Momente

Am fünften Tag ist die Etappe entspannt: vorbei am sagenumwobenen Doser Wasserfall nach Elmen. Auch heute erwarten uns wieder kleine Achtsamkeitsübungen zwischendurch, zum Beispiel beim Kneippen. Der vorletzte Tag zeigt deutlich, wie sehr wir zueinander gefunden haben. Jeder hat zu jedem eine ganz eigene Verbindung aufgebaut.

Heute geht es um unsere „inneren Berater“ und welche Bedürfnisse dahinterstehen. Das sorgt gerade mit einem Blick von außen im Gespräch für große Aha-Momente. Und wie auch schon in den letzten Tagen, löst sich innerlich so manche Blockade in einem erleichternden Tränchen auf. Das darf sein und tut gut. Zugleich begleitet uns jeden Tag eine fröhliche Stimmung, und es wird oft und herzlich gelacht. Schließlich sind wir ja im Urlaub und genießen tagsüber die einzigartige Natur und abends die schönen Unterkünfte.

Ankommen

Der letzte Wandertag ist mit 21 Kilometern länger als die sonst üblichen 16 Kilometer, für die wir uns den ganzen Tag Zeit lassen können. Der Lech hat sich vom kleinen plätschernden Bach zum breiten mäandernden Wildfluss gewandelt. Auch wir haben uns entwickelt und sind innerlich gewachsen. Mit wechselnden Gefühlen von Wehmut bis Aufbruch laufen wir am Ufer entlang. In Weißenbach angekommen, fahren wir das letzte Stück des Lechwegs mit dem Bus nach Füssen.

Als wir am Lechfall stehen, fällt der Abschied schwer. Nicht nur vom Weg, sondern von der Intensität dieser Tage. „Jetzt verstehe ich erst so richtig, worum es beim ‚Kraft schöpfen‘ geht: Ich fühle mich voller Energie und Tatendrang, obwohl ich nicht unbedingt ausgeruht bin und ganz schön Muskelkater habe“, sagt eine Teilnehmerin. Und alle brennen darauf, zurück im Alltag die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen: Krafträuber aussortieren, Bedürfnissen mehr Raum geben, mehr Stärken stärken, statt an Schwächen zu arbeiten, mehr Flow-Momente. Mehr von dem, was uns lebendig sein lässt.
Ich bin gespannt, wohin der Lebensfluss jede:n von uns weitertragen wird. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt.

Zahlen, Daten, Fakten

ÜBER SABINE PRINZ
Sabine Prinz ist zertifizierte DWV-Wanderführerin® und erfahrene systemische Coachin. Als Reiseveranstalterin verbindet sie Naturerlebnis und Persönlichkeitsentwicklung zu besonderen Coaching-Wanderreisen, die bewusst mehr sind als klassische Touren. Jede Reise steht unter einem eigenen Thema und richtet sich an Menschen in Umbruchphasen – etwa bei einem Berufswechsel, nach einer Trennung, zum Start in den Ruhestand oder nach einer belastenden Zeit. In der Bewegung in der Natur schafft sie Raum für Klarheit, neue Perspektiven und kraftvolle nächste Schritte – immer eingebettet in eindrucksvolle Landschaften und achtsame Begleitung.

TERMINE MIT SABINE PRINZ
Im Juni 2026 ist Sabine Prinz wieder auf dem Lechweg unterwegs. „Mehr als Rente“ lautet das Thema der Wanderung (6 Wandertage). Im August 2026 bietet die Autorin die Tour „Kraft schöpfen“ an, mit dem Ziel Millstätter See (4 Wandertage). Freie Plätze waren zu Redaktionsschluss noch vorhanden.

Website von Sabine Prinz mit Detailinformationen:
www.prinzpiration.de

ÜBER DEN LECHWEG
Der Lechweg begleitet auf 125 Kilometern den Fluss von der Quelle am Formarinsee, bei Lech am Arlberg im österreichischen Bundesland Vorarlberg, bis zum Lechfall nach Füssen im Allgäu. Der moderate Weitwanderweg führt durch einen der artenreichsten Lebensräume in Mitteleuropa und ist als Leading Quality Trail zertifiziert. Hier können Wandernde auch ohne alpine Erfahrung das unvergessliche Bergpanorama des Naturparks Tiroler Lech genießen.

EMPFEHLUNG DER REDAKTION
NEU BEI HÜTTEN HOLIDAY Hütten Holiday erweitert sein Portfolio um ein Haus mit Geschichte: Seit Mitte Januar ist das Tegelberghaus hoch über Schwangau neu im Buchungsprogramm. Das ehemalige königliche Jagdhaus liegt in den Ammergauer Alpen und versteht sich nicht als Chalet-Rückzugsort, sondern als klassische Berghütte für Menschen, die unterwegs sind. »zum Beitrag Das Tegelberghaus in den Ammergauer Alpen

ABBILDUNGEN
Beitragsbild © Sabine Prinz, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen

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