Achtsamkeit im Alltag: Zwitschernde Stille im Wald
Kolumne: Achtsame Momentaufnahmen
Zwitschernde Stille im Wald
Vom Wald und seinen Farben, vom Gehen, Schauen und Lauschen, von Stille und vom Gefühl: Dieser Moment ist genug.
Von Patricia Roß
27.4.2026
Lesezeit: ca. 3 Minuten
Am Wochenende war ich im Wald, mit Zeit und einem Buch im Gepäck. Zum Lesen kam ich allerdings nicht – und das war völlig okay, so sehr ich Lesen auch mag. Denn ich war vollauf beschäftigt mit Gehen, Schauen, Sitzen, Fühlen, Atmen und Lauschen.
Die Stille des Waldes
Die Gegend, in der ich lebe, ist reich an fruchtbaren Feldern mit wunderschönem Weitblick über Rücken und Senken, aber nahezu waldfrei. Als Kind war ich jeden Sonntag mit meiner Familie in einem großen Wald spazieren. Was ich seinerzeit eher unspannend fand, ist heutzutage sehr wertvoll für mich geworden: stille Waldspaziergänge. So mache ich mich mittlerweile gerne mal bewusst auf den Weg in den nächstgelegenen Wald, auch wenn er längst nicht so groß ist wie die Wälder meiner Heimat.
Während auf den umliegenden Feldwegen eigentlich immer etwas los ist – Spaziergänger, Jogger, Rad- und Rennradfahrer trifft man besonders auf den größeren Wegen zuhauf – findet man im Wald viel eher Ruhe und Einsamkeit. Häuser und Straßen sind mit jedem Schritt in den Wald weiter weg, verbleibende Verkehrsgeräusche werden von den Bäumen abgedämpft, und vor allem auf Nebenwegen ist man oft allein unterwegs. Je weiter ich in den Wald hineingehe, desto stiller wird es.
Ich laufe ein kurzes Stück über einen asphaltierten Weg, dann über Schotter und biege schließlich auf einen blätterbedeckten, schmalen Waldweg ab. Mit jedem Untergrund verändert sich das Laufgeräusch – und auch das Gefühl beim Auftreten. Der naturbelassene Weg federt sanft unter meinen Füßen und ist leise, so schön leise. Je tiefer ich in den Wald hineingehe, desto schwächer werden die Zivilisationsgeräusche, bis sie schließlich ganz verstummen. Nur manchmal brummt in weiter Ferne ein Flugzeug, leise. Das Einzige, was man ansonsten hört: zwitschernde Vögel, summende Insekten und hier und da ein Rascheln und Knacken am Waldboden. Ich laufe und genieße diese Geräuschkulisse, die frei von menschengemachten Geräuschen ist. Stattdessen: Natur pur. Die Insekten sind emsig unterwegs, die Vögel klingen fröhlich. Oft hört man hier Spechte hämmern, so auch heute.
Farben der Natur
Nach einer Weile bin ich an meinem Lieblingsplatz angekommen. Tief im Wald, weit weg von den großen, geteerten Wegen mit ihren Bänken. Ich suche mir einen Sitzplatz auf einem etwas abseits liegenden Baumstamm, der mit Moos bewachsen ist. Eigentlich wollte ich lesen, entscheide mich dann aber um. Die Natur, die mich umgibt, ist für den Moment Input genug. Ich beschließe: Ich darf auch mal einfach nur dort sitzen, ohne irgendetwas zu tun.
Also sitze ich, mache eine Atemübung, nehme den Duft des Waldes in mich auf und schaue mich um. Der Boden ist vor allem Braun von all den Blättern des letzten Jahres, dazwischen etwas Grün. Mitten im Wald blüht nichts, an lichteren Stellen hingegen trifft man auf Weiß, Violett, Gelb. Ameisen und Spinnen krabbeln vor mir über Laub, kleine Wildbienen und flauschige Hummeln summen um mich herum. Folgt man dem Blick nach oben, streift er über braune Baumstämme wie eine farbliche Verlängerung des Bodens und trifft auf noch recht helles Grün. Der Wald steht voller Buchen, die gerade erst ihre Blätter voll entfaltet haben. Nadelhölzer gibt es hier kaum, stattdessen neben Buchen noch alle möglichen Laubbaumsorten mit all ihren Blattformen und Grüntönen. Darüber spannt sich an diesem Tag ein strahlend blauer Himmel, wolkenlos.
Der Zauber des Moments
Ich spüre, wie mein Kopf geradezu erleichtert eintaucht in dieses Farbschema des Waldes, das an dieser Stelle im Grunde nur aus Braun-, Grün- und Blautönen besteht. Das Bunt der Welt außerhalb hat für diesen Moment, an diesem Ort keinen Raum. Genauso wie all die Geräusche und Informationen, die sonst so oft auf mich, auf uns alle einprasseln.
Das, was hier in diesem Moment ist, ist genug. Ist schön, wunderschön. Der Wald ist Balsam für meine Seele. Ich sitze lange an diesem Ort. Spüre in mich hinein, nehme die Ruhe in mir wahr. Ich bin bei mir und im Moment. Mehr braucht es nicht.
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Zahlen, Daten, Fakten
KOLUMNE "ACHTSAME MOMENTAUFNAHMEN"
Patricia Roß schreibt regelmäßig über achtsame Momentaufnahmen, für mehr Achtsamkeit im Alltag.
ÜBER PATRICIA ROSS
Redakteurin Patricia Roß schreibt für das hochblau Magazin über die Themen Ernährung, Gesundheit, Achtsamkeit und Regionales. Seit Juni 2025 schreibt sie zudem die regelmäßige Kolumne "Achtsame Momentaufnahmen".
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Beitragsbild © Patricia Roß
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