Psychologische Denkfallen beim Wandern: Wenn der Kopf mitwandert
Psychologische Denkfallen auf dem Weg und wie wir sie für uns nutzen können
Ein Wald wird plötzlich unheimlich, der letzte Kilometer scheint endlos – und wenige Minuten später ist die Erschöpfung wie weggeblasen. Auf einer Wanderung zeigt sich besonders deutlich, wie sehr unser Kopf bestimmt, was wir wahrnehmen. Und warum manche psychologischen Denkfallen sogar ziemlich nützlich sein können.
Inhaltsverzeichnis
- Wenn unser Kopf aus Informationen eine neue Wirklichkeit macht
- Wenn eine Sorge plötzlich Beweise findet
- Der letzte Anstieg ist immer der längste
- Eine kleine Begegnung verändert alles
- Und dann erzähle ich meinem Mann von der „tollen Tour“
- Denkfallen sind nicht nur negativ
- Mehr über Sabine Prinz / Termine und Wanderungen mit Sabine Prinz
„Mama, war das hier?“
Meine neunjährige Tochter steht vor einem unscheinbaren Gedenkstein am Wegesrand. Wir sind seit einigen Tagen im Schwarzwald unterwegs. Eine Gedenktafel erinnert an den wohl bekanntesten historischen Kriminalfall am Westweg: den bis heute ungelösten Doppelmord an den Cousinen Luise und Ida Gersbach im Jahr 1928.
Meine Tochter liest aufmerksam, stellt Fragen. Wer waren die beiden? Was ist passiert? Warum wurde der Täter nie gefunden? Dann gehen wir weiter.
Der Wald aber ist plötzlich ein anderer. Aus harmlosem Vogelgezwitscher und Blätterrauschen werden unheimliche Geräusche. Ein Zweig knackt. Laub raschelt. Was war das?
Dabei hat sich objektiv nichts verändert. Nur die Information, die wir über diesen Ort haben.
Wenn unser Kopf aus Informationen eine neue Wirklichkeit macht
Was meine Tochter hier erlebt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie selektiv unsere Wahrnehmung funktioniert. Unser Gehirn kann nur einen Bruchteil der ständig auf uns einströmenden Reize bewusst verarbeiten. Worauf wir achten, hängt davon ab, was wir gerade für wichtig, interessant oder gefährlich halten.
Die Information über den Mord hat also einen Filter verändert. Der Wald ist derselbe geblieben, aber meine Tochter nimmt ihn anders wahr.
Das Spannende daran: Solche Filter begleiten uns nicht nur in außergewöhnlichen Situationen. Wir nehmen sie ständig mit auf den Weg, und oft entstehen sie aus unseren eigenen Überzeugungen.
Wenn eine Sorge plötzlich Beweise findet
Während meine Tochter von Anfang an Feuer und Flamme für diese Wanderung war, hatte meine Freundin bei der Idee einer gemeinsamen Wanderauszeit ihre Zweifel: Würde sie eine mehrtägige Wanderung tatsächlich schaffen? Sind die Etappen zu lang für sie? Ist der Rucksack zu schwer?
Um sich vorzubereiten, besuchte sie einen Wanderkurs. Dort lernte sie unter anderem eine wichtige Regel: Wanderschuhe sollten so stabil wie nötig und so leicht wie möglich sein. Wer auf einer Tour mit gut begehbaren Forstwegen Bergstiefel anzieht, trägt im Vergleich zu einem normalen Wanderschuh erstaunlich viel unnötige Last. Schon 100 Gramm zusätzliches Gewicht pro Schuh werden bei einer Wanderung mit 20.000 Schritten viele Tausend Male mitbewegt – aufsummiert entspricht das rechnerisch rund zwei Tonnen.
Diese kurze Rechnung hatte ich als anschauliches Beispiel für die Bedeutung guter Ausrüstung angeführt. Bei meiner Freundin landete sie jedoch an einer ganz anderen Stelle. Sie hatte nun ein konkretes Argument, das zu ihren Zweifeln passte: Wandern ist anstrengend. Gewicht spielt eine Rolle. Eine mehrtägige Tour könnte schwierig sein. Und wenn Wandern mit jedem zusätzlichen Gewicht schwerer wird, müsste sie vielleicht erst abnehmen, bevor sie eine solche Tour schaffen kann.
Das Problem: Zwischen diesen Gedanken besteht überhaupt kein sinnvoller Zusammenhang. Trotzdem wurde nichts aus unserer Wanderreise.
Hier zeigt sich der sogenannte Confirmation Bias, der Bestätigungsfehler. Haben wir eine Überzeugung oder Befürchtung entwickelt, suchen wir bevorzugt nach Informationen, die dazu passen. Wir schenken Argumenten, die unsere Zweifel bestätigen, mehr Aufmerksamkeit und gewichten Gegenargumente weniger stark. Aus einer Annahme wird so schnell eine scheinbare Gewissheit.
Dabei kann es helfen, sich eine einfache Frage zu stellen: Habe ich gerade tatsächlich einen Beleg gefunden oder nur eine Information, die zu dem passt, was ich ohnehin schon glaube?
Der letzte Anstieg ist immer der längste
Doch kehren wir wieder zurück zur Westwegwanderung mit meiner Tochter.
Es ist warm, wir haben bereits einen langen Wandertag hinter uns. Die Beine sind müde, die Füße schmerzen. Der idyllische Wald liegt hinter uns, stattdessen führt der asphaltierte Weg langsam in die Stadt hinein. Und dann kommt dieser letzte Anstieg. Er ist objektiv betrachtet gar nicht besonders lang. Subjektiv scheint er aber endlos zu sein.
„Wann sind wir da?“, fragt meine Tochter. Nur einen Augenblick später: „Wie lange noch?“ Und dann: „Ich habe Hunger. Wann gibt es Essen?“
Ich gebe mir redlich Mühe, sie bei Laune zu halten. „Das ist jetzt wirklich der letzte Anstieg“, sage ich. Keine Reaktion. „Nur noch zweieinhalb Kilometer“, ergänze ich. Auch das verbessert die Situation nicht. „Und wenn wir im Hotel sind, gehen wir direkt lecker essen“, schiebe ich noch nach.
Die Antwort dauert nicht lange: „Ich kann nicht mehr. Ich bleibe jetzt hier sitzen.“
Unsere Wahrnehmung funktioniert eben nicht wie ein Kilometerzähler. Müdigkeit, Hitze und Schmerzen verändern, wie wir eine Strecke erleben. Dazu kommt die Erwartung, dass das Ziel eigentlich schon fast erreicht sein müsste. Jede weitere Kurve wird dadurch zur Enttäuschung. Der letzte Abschnitt fühlt sich länger an, als er tatsächlich ist.
Auch das lässt sich als Denkfalle verstehen: Wir beurteilen die Situation nicht allein nach den tatsächlichen Gegebenheiten, sondern durch den Filter unseres aktuellen Zustands und unserer Erwartungen. Wer erschöpft ist und nur noch das Ziel vor Augen hat, erlebt einen Kilometer anders als jemand, der gerade frisch losgelaufen ist.
Eine kleine Begegnung verändert alles
Ich weiß irgendwann wirklich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Da kommt von einem Seitenweg eine Spaziergängerin mit ihrem Hund. Sie spricht uns an und ist sichtlich beeindruckt davon, dass meine Tochter eine solche Wanderung mitmacht.
Meine Tochter fragt, ob sie den Hund streicheln darf. Und plötzlich erzählt sie. Von unserer Wanderung, vom Westweg und davon, dass das alles eigentlich nur Übung sei für das nächste große Abenteuer: den Juliana Trail in Slowenien, den wir im kommenden Sommer in den Ferien wandern wollen.
Und schon läuft sie fröhlich neben dem Hund her, erzählt, lacht und geht. Die Spaziergängerin nimmt zufällig denselben Weg wie wir. Als wir schließlich am Hotel ankommen, muss ich meine Tochter regelrecht stoppen.
„Was? Wir sind schon da? Schade. Das ging ja schnell“, lacht sie.
So schnell kann sich das Erleben einer Situation verändern, ohne dass sich die Situation selbst wesentlich verändert hat. Sie hatte ein anderes Gegenüber, etwas Neues, das ihre Aufmerksamkeit forderte – und plötzlich rückte wieder das in den Vordergrund, was ihr an dieser Wanderung Spaß machte.
Was wir wahrnehmen, hängt also nicht nur davon ab, was vor uns liegt, sondern auch davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Auch das ist selektive Wahrnehmung.
Und dann erzähle ich meinem Mann von der „tollen Tour“
Am Abend telefoniere ich mit meinem Mann. Ich erzähle vom genialen Ausblick auf dem Gipfel, von der schönen Strecke und davon, dass meine Tochter bis zum Schluss super mitgemacht hat.
Doch dann kommen Zweifel an meinen Worten auf: Moment mal. Hat sie das? Wenn ich ehrlich bin, gab es da diesen letzten Abschnitt. Das Jammern, das „Ich kann nicht mehr“, die endlosen Fragen nach Entfernung und Essen. Und trotzdem fühlt sich der Tag im Rückblick nach meinen ersten Gedanken an: Es war eine tolle Tour.
Auch das ist psychologisch interessant. Der Peak-End-Effekt beschreibt unsere Tendenz, ein Erlebnis im Rückblick besonders stark anhand seiner emotionalen Höhepunkte und seines Endes zu bewerten. Wir speichern eine Wanderung also nicht wie eine lückenlose Videoaufnahme. Der spektakuläre Gipfel bleibt hängen, ebenso der schöne Abschluss. Die mühsamen Kilometer dazwischen verlieren an Gewicht.
Auch das ist eine Verzerrung unserer Wahrnehmung, aber vielleicht eine, die wir nicht unbedingt bekämpfen müssen.
Denkfallen sind nicht nur negativ
Genau darin liegt für mich die spannendste Erkenntnis dieser Wanderung: Unsere Denkverzerrungen sind nicht einfach Fehler, die wir möglichst vollständig loswerden sollten. Sie sind Teil der Art, wie unser Gehirn die Welt verarbeitet.
Wenn es zum Beispiel an einem Regentag stundenlang schüttet, können wir uns darauf konzentrieren, wie unangenehm sich das alles anfühlt. Oder wir richten unsere Aufmerksamkeit auf den intensiven Duft des feuchten Waldbodens, das Geräusch des Regens in den Blättern, die Farben des Waldes, die bei Nässe viel kräftiger wirken. Und vielleicht hilft auch der Gedanke an die heiße Dusche, die am Ende der Etappe auf uns wartet.
Wir können nicht verhindern, dass wir selektiv wahrnehmen. Aber wir können lernen, diese Muster zu erkennen und sogar für uns zu nutzen. Und das ist eine Fähigkeit, die weit über den Wanderweg hinausreicht.
Zahlen, Daten, Fakten
ÜBER SABINE PRINZ
Sabine Prinz schreibt regelmäßig für das hochblau Magazin und gehört zum festen Kreis der hochblau Redaktion. Sie ist zertifizierte DWV-Wanderführerin® und erfahrene systemische Coachin. Als Reiseveranstalterin verbindet sie ihre Leidenschaft fürs Unterwegssein mit Persönlichkeitsentwicklung und gestaltet Coaching-Wanderreisen, die bewusst über das klassische Natur- und Wandererlebnis hinausgehen. Jede Reise widmet sich einem eigenen Thema und richtet sich besonders an Menschen in Phasen der Veränderung – etwa bei einem Berufswechsel, nach einer Trennung, zum Start in den Ruhestand oder nach einer herausfordernden Zeit. In der Bewegung und im Erleben der Natur schafft Sabine Prinz Raum für Klarheit, neue Perspektiven und stimmige nächste Schritte – immer eingebettet in eindrucksvolle Landschaften.
Mehr zu Sabine Prinz und ihren Coaching-Wanderreisen gibt es auf ihrer Website:
www.prinzpiration.de
TERMINE MIT SABINE PRINZ
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Im Rahmen der Mundologia, dem Festival für Fotografie, Abenteuer und Reisen in Freiburg, hält Sabine Prinz am Freitag, 29. Januar 2027, um 20:15 Uhr das Seminar „Kopfsache Wandern“.
Mehr über das Seminar „Kopfsache Wandern“ bei der Mundologia:
Informationen zum Seminar mit Sabine Prinz auf mundologia.de
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Unter dem Motto „Mehr als Rente“ lädt Sabine Prinz Anfang April 2027 zu einer fünftägigen Wanderreise an die Algarve ein. Im Mittelpunkt stehen Bewegung, neue Perspektiven und die Frage, wie sich der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt bewusst gestalten lässt.
Wer mehr über die Veranstaltungen und Reisen mit Sabine Prinz erfahren oder sich für die Wanderkurse „Leichte Hilfe für lange Touren“ von Sabine Prinz interessiert, findet alle weiteren Informationen auf ihrer Website.
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Beitragsbild © Sabine Prinz, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen
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