Die Kunst des langsamen Wanderns – warum weniger Kilometer oft mehr Erlebnis bedeuten
Die Kunst des langsamen Gehens
Warum weniger Kilometer oft mehr Erlebnis bedeuten: Sabine Prinz erzählt, weshalb ein ruhiger Rhythmus, rechtzeitige Pausen und der Blick für kleine Entdeckungen einen Wandertag verändern können. Denn unterwegs zählt nicht nur, wie weit wir kommen, sondern auch, was wir wahrnehmen.
100 Kilometer in 24 Stunden. Trailrunning in den Alpen. 3.500 km durch Amerika. Wer heute durch soziale Medien scrollt, könnte leicht den Eindruck bekommen, Wandern müsse vor allem spektakulär sein. Höher. Weiter. Schneller.
Gleichzeitig erlebe ich auf meinen Wanderreisen immer wieder das genaue Gegenteil. Da sitzen Menschen beim Kennenlernen vor der ersten Etappe und fragen mich mit ehrlicher Unsicherheit: "Meinst du wirklich, ich schaffe fünf Tage hintereinander jeweils 16 Kilometer?"
Die Frage überrascht mich jedes Mal. Denn die meisten dieser Menschen treiben regelmäßig Sport, gehen mit dem Hund spazieren oder fahren Rad. Sie bringen eigentlich alles mit, was sie für eine mehrtägige Wanderung brauchen. Was ihnen fehlt, ist nicht die Kondition. Es fehlt die Erfahrung, dass Wandern ganz anderen Regeln folgt als Leistungssport.
Viele von uns haben verinnerlicht, dass eine gute Wanderung möglichst lang sein soll und am besten noch mit einem Gipfel belohnt wird. Und dass man unterwegs besser nicht zu oft stehen bleibt, schließlich wartet das Tagesziel. Und das Abendessen schmeckt angeblich erst richtig, wenn man es sich verdient hat.
Genau dieser Gedanke raubt vielen Menschen die Freude am entspannten Wandern. Denn die Kunst des langsamen Gehens bedeutet nicht, langsam zu laufen. Sie bedeutet, sich mehr Zeit für dieselbe Strecke zu nehmen. Körperlich zu entschleunigen und dadurch auch innerlich ruhiger zu werden.
Den eigenen Rhythmus finden
Die meisten Kräfte werden nicht auf den letzten Kilometern verbraucht, sondern schon auf den ersten. Aus Begeisterung oder weil die Gruppe flott unterwegs ist, laufen viele schneller, als ihnen eigentlich guttut. Bergauf macht sich das besonders bemerkbar. Der Atem wird hektisch, der Puls steigt und der Körper arbeitet längst im roten Bereich, obwohl der Tag gerade erst begonnen hat.
Dabei verrät uns der Körper selbst, welches Tempo langfristig funktioniert. Wer keine Fitnessuhr trägt, kann sich an einem einfachen Rhythmus orientieren: Zwei Schritte pro Einatmen und möglichst drei Schritte pro Ausatmen sind für viele Menschen ein gutes Maß. Nicht wissenschaftlich exakt, aber erstaunlich alltagstauglich.
Kraft sparen beginnt bei den Füßen
Wer den passenden Rhythmus gefunden hat, kann noch an einer zweiten Stellschraube drehen: der Art zu gehen. Auch sie entscheidet darüber, wie anstrengend ein Wandertag wird.
Ich beobachte oft, dass Wandernde steile Abkürzungen wählen, während der eigentliche Weg in angenehmen Serpentinen nach oben führt. Oder dass große Schritte gemacht werden, obwohl kleine Zwischenschritte auf felsigem Untergrund deutlich sicherer und weniger anstrengend wären. Unser Körper liebt gleichmäßige Bewegungen. Kleine Schritte, flüssige Übergänge und ein ruhiger Rhythmus kosten oft weniger Energie trotz längerer Strecke oder mehr Schritten.
Und dann sind da noch die Pausen.
Interessanterweise warten viele Menschen damit, bis sie schon kraftlos und müde sind. Dabei erfüllen Pausen einen ganz anderen Zweck. Sie dienen vielmehr dazu, Erschöpfung gar nicht erst entstehen zu lassen.
Fünf Minuten auf einer Bank. Schuhe kurz lockern und dann neu schnüren. Den Rucksack absetzen, Schultern lockern und etwas trinken. Ein kleiner Snack und vielleicht sogar eine Handvoll Heidelbeeren am Wegrand entdecken. Mehr braucht es oft gar nicht.
Den Vergleich zurücklassen
Fast jede Wandergruppe kennt diesen Moment. Irgendwann erzählt jemand von den 35 Kilometern, die er auf dem Jakobsweg gelaufen ist. Früher hätte mich das beeindruckt. Heute denke ich meistens: Schön, wenn es für diese Person gepasst hat.
Denn was nützen 30 Kilometer, wenn die letzten zehn gar kein Genuss mehr waren? Wenn man ständig auf die Uhr schaut, weil das Hotel schließt, die Füße und Schultern schmerzen, ein Gewitter aufzieht oder die Dunkelheit schneller kommt als gedacht? Oder wenn am nächsten Morgen die Lust aufs Weitergehen verschwunden ist, weil man sich Blasen gelaufen hat und der Muskelkater zwickt?
Deshalb ermutige ich die Teilnehmenden meiner Wanderreisen immer wieder, ihr eigenes Tempo zu finden. Und zwar unabhängig davon, was andere schaffen oder was sie selbst von sich erwarten. Nicht jeder Druck kommt von außen. Oft vergleichen wir uns mit Menschen, deren Voraussetzungen wir gar nicht kennen und werden dabei selbst zu unseren strengsten Antreibern.
Langsamer gehen heißt genauer hinschauen
Mit der körperlichen Entschleunigung verändert sich fast unbemerkt auch die Wahrnehmung. Wer nicht ständig auf das nächste Etappenziel fokussiert ist, beginnt plötzlich Dinge zu entdecken, die vorher unsichtbar waren.
Ich schlage auf meinen Touren deshalb manchmal kleine Experimente vor. An einem Tag fotografieren wir nicht den schönsten Ausblick, sondern die unscheinbaren Details am Wegesrand. Ein anderes Mal suchen wir bewusst einen Geruch, den wir noch nie wahrgenommen haben. Oder bestimmen gemeinsam eine Pflanze, einen Schmetterling oder einen Gipfel, an dem wir sonst achtlos vorbeigegangen wären.
Besonders spannend ist ein kleines Skizzenbüchlein. Viele winken zunächst lachend ab: "Ich kann doch gar nicht zeichnen." Genau darum geht es in diesem Fall aber nicht. Es geht darum, genauer hinzusehen. Wer versucht, einen Berg, einen Baum oder eine Almhütte zu skizzieren, merkt schnell, wie schwierig das ist. Plötzlich fällt auf, wie ein Bergrücken tatsächlich verläuft, wie Licht und Schatten die Farben verändern oder wie unterschiedlich einzelne Bäume gewachsen sind. Eine Landschaft prägt sich dadurch oft viel tiefer ein als durch ein schnelles Foto.
Es lohnt sich auch, sich Zeit für kleine Sinneserfahrungen zu nehmen. Die Füße in einen eiskalten Gebirgsbach zu halten, sich an einem warmen Nachmittag in einem Bergsee zu erfrischen oder auf einem weichen Wiesenstück ein paar Minuten barfuß zu gehen. Das tut nicht nur im Moment gut, sondern bleibt auch in Erinnerung.
Manchmal genügt auch ein kurzer Stopp mit dem Notizbuch. Viele schreiben ihr Wandertagebuch erst abends in der Unterkunft. Dabei entstehen die lebendigsten Gedanken oft direkt unterwegs: auf einer Bank mit Aussicht, am Bachufer oder während einer Pause auf einer Alm. Ein paar Sätze reichen schon aus, um einen besonderen Moment festzuhalten, der später vielleicht längst in Vergessenheit geraten wäre.
Eine Übung scheint in Zeiten von Outdoor-Apps seltsam: sich mal wieder analog orientieren.
Wer sich beim Frühstück oder während einer Pause den weiteren Routenverlauf kurz vor Augen führt, entdeckt unterwegs viel mehr Orientierungspunkte. Wo verläuft der Bach? Wann führt der Weg durch den Wald? Wie lange gehen wir bergauf und an welcher Stelle kommt der Abstieg? Dazu gehört auch, sich immer wieder mal umzudrehen. Wer den bereits gegangenen Weg betrachtet, erlebt die Gegend oft völlig neu. So entsteht Orientierung nicht nur durch digitale Hilfsmittel, sondern durch Aufmerksamkeit. Die Landschaft wird dadurch nicht länger zur Kulisse zwischen zwei Aussichtspunkten, sondern zu einem Weg mit vielen kleinen Höhepunkten.
Wer alleine läuft und der Natur zuhört, kennt das bereits: Das Vogelgezwitscher, das Plätschern des Baches und das Rauschen der Blätter in den Wipfeln. Wer gerne in Gemeinschaft wandert, schenkt die Aufmerksamkeit meist dem Gespräch. Daher lade ich die Gruppe manchmal auch ein, für einige Minuten mit etwas Abstand hintereinander zu gehen. Einfach nur im eigenen Tempo, mit den eigenen Gedanken und den Geräuschen des Waldes. Fast immer erzählen hinterher mehrere Teilnehmende, dass genau diese wenigen Minuten zu ihren schönsten Erinnerungen des Tages gehören.
Mehr erleben statt mehr schaffen
Wenn ich am Ende einer Wanderwoche auf meine Aufzeichnungen schaue, komme ich oft nur auf zweieinhalb Kilometer pro Stunde. Sportlich betrachtet ist das nicht besonders beeindruckend.
Für mich ist es heute ein Zeichen dafür, dass ich unterwegs war, statt nur anzukommen.
Denn in diesen Stunden stecken nicht nur Schritte, sondern Gespräche, stille Momente, neugierige Entdeckungen, kleine Pausen und das gute Gefühl, den Weg wirklich erlebt zu haben.
Mehr über Sabine Prinz
ÜBER SABINE PRINZ
Sabine Prinz ist zertifizierte DWV-Wanderführerin® und erfahrene systemische Coachin. Als Reiseveranstalterin verbindet sie Naturerlebnis und Persönlichkeitsentwicklung zu besonderen Coaching-Wanderreisen, die bewusst mehr sind als klassische Touren. Jede Reise steht unter einem eigenen Thema und richtet sich an Menschen in Umbruchphasen – etwa bei einem Berufswechsel, nach einer Trennung, zum Start in den Ruhestand oder nach einer belastenden Zeit. In der Bewegung in der Natur schafft sie Raum für Klarheit, neue Perspektiven und kraftvolle nächste Schritte – immer eingebettet in eindrucksvolle Landschaften und achtsame Begleitung.
TERMINE MIT SABINE PRINZ
Im August 2026 bietet die Autorin die Tour „Kraft schöpfen“ an, mit dem Ziel Millstätter See (4 Wandertage).
Unter dem Motto „Mehr als Rente“ bietet Sabine Prinz Anfang April 2027 eine fünftägige Wanderreise an die Algarve in Portugal an.
Du möchtest mehr über die Wanderreise erfahren oder dich über die Wanderkurse von Sabine Prinz „Leichte Hilfe für lange Touren“ informieren? Alle Einzelheiten findest du auf ihrer Website.
Website von Sabine Prinz mit Detailinformationen:
www.prinzpiration.de
EMPFEHLUNG DER REDAKTION
Lies auch den Beitrag "Weitwandern mit Wirkung" von Sabine Prinz. Weitwandern soll befreien, doch oft reisen ungelöste Fragen mit, sagt Sabine Prinz und geht der Frage nach, wie wir unterwegs unsere mentale Gesundheit bewahren und sogar stärken können.
»zum Beitrag Weitwandern mit Wirkung
ABBILDUNGEN
Beitragsbild © Sabine Prinz, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen
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