Ein Bussi, das bleibt – eine Nacht im Hotel Bussi Baby am Tegernsee
Bussi vom Tegernsee
Eine Nacht im Hotel Bussi Baby
Orangefarbene Liegen vor dunklen Bergen, Porträts in stillen Fluren und ein kleines Herz auf dem Balkon: Eine Nacht im Hotel Bussi Baby in Bad Wiessee wird zur Begegnung mit einem Haus, das eine ganz eigene Sprache spricht.
Der Himmel über den Tegernseer Bergen trägt an diesem Maitag mehrere Schichten Grau. Zwischen den Wolken öffnen sich helle Stellen, auf den Höhen liegt Neuschnee. Davor stehen auf einer hölzernen Dachterrasse orangefarbene Liegen mit leuchtend roten Gestellen. Die Sonnenschirme sind geschlossen, der Boden noch feucht.
Perfektes Poolwetter sieht vermutlich anders aus. Doch gerade diese Szene bleibt mir im Gedächtnis. Vielleicht, weil sie viel über das Bussi Baby erzählt. Das Hotel inszeniert sich, ohne die Landschaft hinter einer Hochglanzkulisse verschwinden zu lassen. Seine kräftigen Farben treten selbstbewusst gegen Berge, Wolken und Kirchturm an. Und zugleich ist da genug Raum, um einfach hinauszuschauen.
Ich verbringe nur eine Nacht in dem Hotel in Bad Wiessee. Das ist zu kurz, um Zimmerkategorien zu vergleichen, sämtliche Angebote auszuprobieren oder ein umfassendes Urteil abzugeben. Dieser Text ist deshalb kein Hoteltest. Er erzählt von einem Haus, seiner Atmosphäre und den Bildern, die nach einem kurzen Aufenthalt geblieben sind.
Ein Name wie eine kleine Provokation
„Bussi Baby“ klingt zunächst eher nach einer Bar, einem Songtitel oder einem halb ironischen Gruß aus München als nach einem Hotel am Tegernsee. Zwischen all den See-, Berg-, Alm- und Heimatnamen der Ferienhotellerie fallen diese beiden Wörter sofort auf.
Man kann sie charmant, kokett oder ein wenig übermütig finden. Gleichgültig lassen sie einen kaum. Schon der Name macht deutlich, dass dieses Haus nicht unsichtbar bleiben möchte. Dieser Eindruck setzt sich an der Rezeption fort. Sie wirkt weniger wie ein förmlicher Empfangsschalter als wie eine Mischung aus Bar, Salon und großzügigem Wohnzimmer.
Eine orangerote Regalwand bildet den Hintergrund. Davor stehen Blumen, Flaschen und Tischleuchten, die ein warmes Licht über die Theke werfen. Holz nimmt der kräftigen Farbe die Dominanz, kleine Details verhindern, dass der Raum zu glatt erscheint. Die Grenzen zwischen Ankommen, Sitzen, Trinken und Begegnen bleiben bewusst offen. Man könnte hier einchecken, einen Kaffee bestellen oder einfach noch einen Moment stehen bleiben, um sich umzusehen.
Auch außen ist Zurückhaltung nicht das leitende Prinzip. Senkrechte Holzlamellen gliedern die Fassade, schwarzbraune Balkongeländer ziehen klare Linien durch das Gebäude. Das geschwungene Hotelschild erinnert an ein klassisches Gasthausschild, während der Schriftzug darunter die Erwartung sofort wieder in eine andere Richtung lenkt. Vor dem Haus fährt ein schwarzer Elektro-Mini die Bildsprache weiter. Und an der unmittelbar gelegenen Bushaltestelle "Bad Wiessee – Hotel Bussi Baby" wirbt ein Plakat mit einem großen „Bussi Bussi“. Das Motiv passt so gut an diesen Ort, dass man zweimal hinsehen muss.
Das Bussi Baby arbeitet mit solchen kleinen Irritationen. Vertraute Formen werden aufgenommen, verschoben und mit etwas Neuem verbunden. Nie so radikal, dass sie ihre Herkunft verlieren. Aber deutlich genug, um nicht in der üblichen Alpenhotel-Ästhetik zu verschwinden.
Zwischen Kirchturm und Rooftop-Pool
Auf der Dachterrasse wird dieser Kontrast besonders sichtbar. Auf der einen Seite erhebt sich der weiße Kirchturm über den grünen Bäumen. Er gehört zum gewachsenen Bad Wiessee, zu den Straßen, Häusern und Gärten rund um das Hotel. Auf der anderen Seite liegt der Rooftop-Pool über den Dächern des Ortes. Dazwischen stehen Liegen, Tische und geschlossene Sonnenschirme.
Kirchturm und Pool befinden sich beinahe in derselben Blickachse. Tradition und moderne Freizeitarchitektur müssen hier nicht erst theoretisch zusammengedacht werden. Sie stehen einfach nebeneinander.
Der Pool selbst leuchtet an diesem Tag fast unwirklich blau. Über ihm schieben sich schwere Wolken durch den Himmel, dahinter verlaufen die dunklen Konturen der Berge. Das Holz auf der Terrasse glänzt vom Regen. Nichts wirkt makellos, aber alles wirkt echt.
Der Begriff „Rooftop-Pool“ weckt schnell Bilder von blauem Himmel, Sonnenbrillen und sorgfältig komponierten Urlaubsfotos. Die Wetterlage an diesem Tag ist eine andere: kühle Luft auf der Haut, feuchtes Holz unter den Schuhen und Wolken, die so tief über den Bergen hängen, als würden sie gleich zwischen den Gipfeln liegen bleiben. Und dennoch schwimmt jemand vergnügt im Pool seine Runden.
In der großen Lounge mit Bar, die an die Dachterrasse grenzt, holen große Fenster die Landschaft ins Haus. Wiesen, einzelne Höfe und bewaldete Hänge füllen die Scheiben. Auf den dunklen Tischen stehen kunstvoll geprägte Wasserflaschen, in denen sich das Licht bricht. Auch sie wirken weniger wie beiläufig bereitgestellte Gebrauchsgegenstände als wie ein Teil der Inszenierung.
Ein Zimmer ohne großes Theater
Mein Zimmer gehört nicht zu den großen Premiumkategorien. Keine Suite, kein spektakulärer Grundriss, kein Raum, der sich mit Superlativen erklären müsste. Und doch fühlt es sich sofort richtig an. Eine Wand ist vollständig mit Holz verkleidet. Davor stehen ein graues Sofa, ein Sessel und kleine, zurückhaltende Tische. Der karierte Teppich bringt Wärme in den Raum und erinnert ein wenig an britisches Landhausdesign. Die Möbel sind klar gezeichnet, das Bett wirkt einladend, ohne theatralisch in Szene gesetzt zu werden.
Das Zimmer ist großzügig genug, um sich nicht nur um das Bett herum zu organisieren. Es gibt Raum zum Sitzen, Schreiben, Lesen und Ankommen. Nach einem langen Tag kann die Reisetasche in einer Ecke stehen, die Aktenmappe auf dem Sofa, ohne dass der ganze Raum sofort nach Zwischenstation aussieht. Vielleicht ist das eine unterschätzte Qualität: Ein Hotelzimmer muss nicht ständig beweisen, wie besonders es ist. Manchmal genügt es, wenn man die Tür schließt und das Gefühl hat, für die nächsten Stunden am richtigen Ort zu sein.
Auch hier folgt die Gestaltung dem Prinzip des gesamten Hauses. Warmes Holz bildet die ruhige Grundlage. Klare Formen verhindern falsche Hüttenromantik. Kleine Brüche sorgen dafür, dass der Raum nicht beliebig wird. Mein Balkon ist schmal, aber breit genug für zwei Stühle und einen kleinen Tisch. Eine gläserne Wasserflasche steht bereit. Am Ende meines Balkonabschnitts befindet sich eine halbhohe Holztür, wie man sie eher an einem alten Bauernhaus erwarten würde. In ihre Mitte ist ein Herz ins Holz geschnitten.
Kunst, Holz und kräftige Farben
Der eigentliche Charakter des Hotels erschließt sich nicht nur im Zimmer oder auf dem Dach. Er zeigt sich vor allem auf den Wegen dazwischen. In den Fluren und Aufenthaltsbereichen hängen großformatige Porträts. Manche Figuren tragen Blumen im Haar, andere ein Dirndl oder einen Badeanzug. Einige blicken den Gästen offen entgegen, andere scheinen ganz in ihre eigene Gedankenwelt versunken. Es gibt ruhige Motive und Bilder, deren Farben einem beinahe aus der Leinwand entgegenzuspringen scheinen.
Ein besonders starkes Motiv befindet sich in der Rooftop-Lounge: eine sitzende Frau vor üppigem Blattwerk, daneben eine lange, tiefrote Sitzlandschaft. Die Wand ist wieder mit hellem Holz verkleidet, die Beleuchtung warm und indirekt. Das Gemälde und der Raum gehen beinahe ineinander über. Kunst wird hier nicht nachträglich hinzugefügt, um eine leere Wand zu füllen. Sie prägt den Raum.
Eine Lounge im Erdgeschoss setzt auf Holz, rostfarbene Samtpolster, kleine runde Tische und schlichte Hocker. Der Raum wirkt warm und behaglich, ohne sich als traditionelle Stube zu verkleiden. Das Zusammenspiel der Gemälde, Farben und Materialien könnte leicht überladen oder willkürlich wirken. Im Bussi Baby funktioniert es. Nicht jede Kombination will gefällig sein. Gerade darin liegt die Stärke der Gesamtkomposition.
Ein Haus zwischen Geschichte und Gegenwart
Die Eigenwilligkeit des Hauses wird noch verständlicher, wenn man seine Geschichte kennt. Das heutige Hotel war früher der Kirchenwirt von Bad Wiessee. 2019 wurde das traditionsreiche Haus zum Bussi Baby umgestaltet. Die Veränderung fiel deutlich aus: Neonzeichen, Rooftop, Infinitypool und DJ-Programm standen plötzlich für eine Form der Hotellerie, die im Tegernseer Tal zunächst nicht überall auf Begeisterung stieß. In einem Rückblick der Bachmair-Weissach-Gruppe wird das Projekt selbst als Tabubruch beschrieben.
Dieser Hintergrund ist wichtig, weil das Bussi Baby nicht auf der grünen Wiese als vollständig neues Lifestyleprodukt entstanden ist. Unter dem heutigen Hotel steckt ein älteres Haus mit einer anderen Geschichte und einer tiefen Verbindung zum Ort. Auch im Inneren sind Spuren davon erkennbar: Grundrisse, Bögen, Natursteinflächen und einzelne klassische Elemente treffen auf neue Farben, Kunst und moderne Einbauten.
Es wäre vermutlich einfacher gewesen, ein historisches Gasthaus behutsam zu restaurieren und mit den vertrauten Versprechen von Tradition, Heimat und regionaler Küche neu zu eröffnen. Korbinian Kohler entschied sich für einen radikaleren Weg. Er machte aus dem Kirchenwirt ein Hotel, das sich sichtbar an ein neues Publikum richtet. Man darf darin durchaus ein Statement erkennen: Geschichte zu bewahren muss nicht bedeuten, einen Ort optisch einzufrieren. Ein altes Gebäude kann auch weiterleben, indem man ihm eine neue, möglicherweise zunächst irritierende Identität gibt.
Die Bachmair-Weissach-Welt
Das Bussi Baby lässt sich ohnehin kaum isoliert betrachten. Es ist Teil eines weit größeren Geflechts, das rund um den Tegernsee in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Zur Bachmair-Weissach-Welt gehören neben dem Spa & Resort Bachmair Weissach unter anderem das Berghotel Altes Wallberghaus, das Herzogliche Gasthaus Altes Bad, das Clubhaus Bachmair Weissach, See-Apartments, der Reiterhof, verschiedene Restaurants, kulturelle Angebote und die Erlebniswelt Tegernsee Phantastisch. Auch gastronomisch sind die Häuser miteinander verbunden: Im Rahmen des Konzepts können Gäste verschiedene Restaurants der Gruppe rund um den See nutzen, darunter das asiatisch ausgerichtete Boom Boom im Bussi Baby, das japanische Mizu und weitere Häuser.
Hinter dieser Welt steht Korbinian Kohler. Die Familie Kohler ist eine traditionsreiche Unternehmerfamilie am Tegernsee, ihre Wurzeln liegen jedoch nicht in der Hotellerie, sondern in der Papierherstellung. Korbinian Kohler stammt aus der Familie hinter der Büttenpapierfabrik Gmund. Den Weg in die Hotellerie schlug er als Quereinsteiger ein. Seit mehr als einem Jahrzehnt kauft oder pachtet er historische Häuser in seiner Heimatregion und entwickelt sie zu Hotels, Restaurants, Kultur- und Erlebnisorten weiter. Für den Aufbau dieser Hospitality-Welt wurde er 2023 von der ahgz als „Hotelier des Jahres“ ausgezeichnet.
Was von einer Nacht geblieben ist
Als ich am nächsten Tag abreise, kenne ich das Hotel noch lange nicht vollständig. Ich habe keine verschiedenen Zimmerkategorien verglichen, keine Wellnessauszeit erlebt und nicht jedes gastronomische Angebot ausprobiert. Mein Aufenthalt bleibt eine Momentaufnahme. Doch manchmal genügt eine Nacht, um den Charakter eines Hauses zu erfassen. Nicht seine komplette Leistungsbilanz. Aber seine Haltung.
Geblieben sind einzelne Bilder: die orangefarbenen Liegen vor der Bergsilhouette. Das helle Blau des Pools unter den dunklen Wolken. Der Kirchturm über den Bäumen. Die geprägten Wasserflaschen vor den großen Fenstern. Das Porträt der Frau im Bikini zwischen Holz und Blattwerk. Der dunkle Flur mit dem leuchtend roten Gemälde. Und natürlich die Trennwand aus Holz auf dem Balkon mit dem ausgeschnittenen Herz.
Vielleicht erinnern wir uns an Hotels nicht deshalb, weil dort alles größer oder luxuriöser war. Vielleicht erinnern wir uns an sie, wenn ihre Räume eine Stimmung erzeugen, die sich nicht sofort in vertraute Begriffe übersetzen lässt. Das Bussi Baby ist alpenländisch, aber kein klassisches Alpenhotel. Es ist verspielt, aber nie zufällig. Es besitzt elegante Räume, zeigt aber auch Ecken, Brüche und Spuren. Es kann lebendig und extrovertiert auftreten – und am nächsten Morgen wieder ruhig und beinahe privat wirken.
Als ich das Hotel durch den Eingangsbereich verlasse und mich noch einmal umschaue, bleiben warmes Licht, Bambus und ein Schriftzug, der im Hintergrund verschwimmt. Kein großes Finale. Aber ein letzter Eindruck, der zu einem Gesamtbild gehört, das mir in Erinnerung bleiben wird.
Zahlen, Daten, Fakten
Transparenzhinweis: Der Aufenthalt fand im Rahmen der SQlab Experience Days statt. Auf Inhalt und Darstellung des Beitrags wurde kein Einfluss genommen. Sämtliche Bilder stammen vom Autor.
ÜBER DAS HOTEL BUSSY BABY
Das Hotel ging 2019 aus dem früheren Kirchenwirt von Bad Wiessee hervor. Rooftop, Pool, Musik und ein deutlich modernerer Auftritt machten den Umbau zu einem Projekt, das im Tegernseer Tal zunächst durchaus polarisierte. Das Haus gehört heute zur Hotelwelt des Unternehmers Korbinian Kohler und der Bachmair-Weissach-Gruppe. Im Erdgeschoss befindet sich außerdem das Boom Boom Restaurant, dessen Küche südostasiatisch geprägt ist.
Website des Hotel Bussi Baby:
www.bussibaby.com
ÜBER BAD WIESSEE AM TEGERNSEE
Bad Wiessee verbindet die Tradition eines Heilbads mit der Landschaft zwischen See, Fockenstein und Aueralm. Bekannt ist der Ort besonders für seine Jod-Schwefelquellen; zugleich führen Wege von der langen Seepromenade hinaus zu Wiesen, Wäldern und Bergen. Der Tegernsee ist damit nicht nur Kulisse, sondern ein Landschaftsraum, in dem Kurgeschichte, Tourismus, Alltag und Natur dicht nebeneinanderliegen.
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