Kletterhalle oder Berg? Ich nehme beides!
Kolumne: Finde dein Abenteuer
Kletterhalle oder Berg? Ich nehme beides!
Es gibt Kletterer und Alpinisten, die bewerten Kletterhallen kritisch oder finden sie schlichtweg furchtbar. Andere lieben sie und verbringen dort die meiste Zeit. Dazwischen gibt es diejenigen, die sie als nützliche Erweiterung zum Klettern am Berg sehen. Ich gehöre zu diesen.
Von Jean Secré
12.01.2026 - 19:02
Lesezeit: ca. 3 Minuten
Klettern ist Freiheit – aber Sicherheit ist wichtig
Es gibt diese Wochen, da sammelt sich eine Schwere wie feuchter Schnee auf allem, was eigentlich leicht sein sollte. Termine, Aufgaben, zu wenig Zeit. Und plötzlich merkst du: Ich war lange nicht mehr klettern. Nicht in der Halle. Und auch nicht draußen am Fels oder in den Bergen.
Ich zähle die Wochen zurück und denke: zu lang. Kein dramatischer Abbruch, eher ein unbemerktes Aussetzen. Und dann kommt dieser Moment, in dem du dir eingestehst: Das Klettern fehlt nicht nur als Bewegung – es fehlt als Gefühl. Und auch als Routine. Denn die nächsten Termine in den Bergen stehen im Frühling an.
Ich spiele im Kopf die Bedienung einiger Geräte durch, organisiere meinen Klettergurt und baue einen imaginären Flaschenzug zur Selbstrettung aus einer Gletscherspalte. Dabei wird mir schlagartig klar: Ich will das alles mal wieder durchspielen und ein paar Trockenübungen machen, weil manches schon zu lange her ist.
Routinen verschwinden leise
Klettern ist Kopfsache und Erfahrung, aber auch eine Kette aus Automatismen. Deshalb halte ich die Kletterhalle im Winter für wichtig. Nicht als Ersatz für den Berg – sondern als Trainingsraum für Sicherheit. So ähnlich wie der Rollentrainer beim Fahrrad: eine wetterunabhängige, kontrollierte Umgebung, in der du Abläufe und Grundlagen sauber trainieren kannst. Und ich schätze, dass mir nur wenige widersprechen werden, wenn ich sage, dass nichts schöner ist als draußen zu sein, in der Natur – auf dem Rad oder in den Bergen.
Dennoch wird es gerade jetzt im Winter draußen schnell kompliziert: nasses Gestein, glatte Tritte, eiskalte Finger. Natürlich gehören Schnee und Eis dazu. Aber ich bin ehrlich – ich kalkuliere gerne mein Risiko, und Eisklettern ist nicht meins. Auch wenn ich Gletscher spannend finde und sie im Hochalpinen sowieso dazu gehören. Und manchmal kann eine feste Schneelage sogar ein Geschenk sein und das Vorankommen leichter machen: Du hast sowas wie Trittstufen und kein loses Geröll.
Manchmal schlägt Verlässlichkeit Romantik
Trotzdem kannst du unter Winterbedingungen nur bedingt üben – vor allem dann, wenn es um Geräte, Technik und saubere Abläufe geht. Genau dafür ist die Halle ideal: Sie ist warm und verlässlich. Und da liegt für mich der Punkt: Routine gibt Sicherheit. Sie ersetzt nicht die Erfahrung draußen am Berg, das ist natürlich klar. Aber sie bereitet dich vor – und das macht dich mental stärker.
Am Berg will ich keine Debatte mit mir führen müssen. Ich will nicht überlegen, ob die Handposition stimmt. Ob das Seil richtig ins Gerät eingelegt ist. Ob der Knoten passt. Ob ich den Seilverlauf sauber habe. In den Momenten, in denen es um mein Leben geht, muss es einfach sitzen.
Für mich ist deshalb bei der Frage „Halle oder Berg“ die Antwort klar: Ich nehme beides – und werde in den nächsten Winterwochen öfter zum Training in die Halle gehen. Nicht als Ersatz für die Natur, sondern als Ergänzung.
Wie stehst du zur Halle? Und wenn ja: wie nutzt du sie? Oder hast du ganz andere Gedanken dazu? Dann schreib mir sehr gerne unter abenteuer@hochblau.de
Zahlen, Daten, Fakten
KOLUMNE "FINDE DEIN ABENTEUER"
Jean Secré, Chefredakteur des hochblau Magazins, liebt das Abenteuer – ob beim Schreiben, Wandern oder auf literarischen Pfaden. In seiner Kolumne schreibt er über Themen die ihn bewegen, über Technik, Ausrüstung und die nächste ganz persönliche Challenge.
ÜBER JEAN SECRÉ
Jean schreibt für das hochblau Magazin über die Kategorien "Bewegung" und "Entdecken". Seit Januar 2026 schreibt er zudem die regelmäßige Kolumne "Finde dein Abenteuer".
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