Nach dem Training: Dehnen oder nicht?

Kolumne: Finde dein Abenteuer

Nach dem Training: Dehnen oder nicht?

Mit dem Frühling wächst die Lust auf mehr Kilometer. Die Läufe werden länger, die Radausfahrten ausgedehnter. Heute beschäftigt mich die Frage: Was hilft dem Körper nach einem langen Training? Dehnen, Ausrollen, Mobilisieren – oder einfach nur duschen und essen?


Von Jean Secré
27.04.2026
Lesezeit: ca. 4 Minuten


BEWEGLICH BLEIBEN Dehnen ist nach dem Sport kein Muss, kann aber helfen, Beweglichkeit zu erhalten und nach langen Einheiten wieder in den Erholungsmodus zu finden Foto: Alex from the Rock/Adobe Stock

Wer regelmäßig läuft oder auf dem Rad sitzt, kennt diesen Moment: Das Training ist geschafft, die Uhr ist gestoppt, und sofort stellt sich die Frage, was jetzt eigentlich sinnvoll ist. Kurz dehnen? Gar nichts machen? Oder noch mit der Faszienrolle arbeiten?

Lange Zeit galt Dehnen nach dem Sport fast als Pflichtprogramm. Vor allem im Ausdauersport hielt sich hartnäckig die Vorstellung, dass ein paar Stretching-Übungen Muskelkater verhindern und die Regeneration deutlich beschleunigen. So einfach ist es allerdings nicht.

Die Studienlage zeigt ein deutlich nüchterneres Bild: Ausgiebiges statisches Dehnen reduziert Muskelkater nicht zuverlässig und verkürzt die Erholungszeit auch nicht messbar. Das heißt aber nicht, dass es nutzlos wäre. Denn gerade in der Vorbereitung auf längere Strecken – ob Halbmarathon, Radmarathon oder ausgedehnte Touren in hügeligem Gelände – geht es nach dem Training vor allem darum, den Körper wieder herunterzufahren, Beweglichkeit zu erhalten und das Nervensystem aus dem Belastungsmodus herauszuholen.

Nach langen Läufen zählt zuerst: runterregeln

Nach einem intensiven Lauf oder einer langen Einheit ist abruptes Stoppen selten die beste Idee. Der Kreislauf profitiert davon, wenn die Belastung langsam ausläuft. Fünf Minuten lockeres Traben oder Gehen reichen oft schon, um den Übergang deutlich angenehmer zu machen.

Danach braucht der Körper meist keine aggressive Behandlung, sondern einfache, saubere Reize: leichte Mobilisation für Hüfte, Waden und unteren Rücken, ruhig und ohne Schmerzreiz. Genau dort sitzen bei vielen Läuferinnen und Läufern die Bereiche, die auf langen Strecken besonders viel Arbeit leisten.

Wer direkt nach einem langen Lauf versucht, möglichst tief in jede Dehnung hineinzugehen, erreicht oft eher das Gegenteil. Gewebe, das gerade belastet wurde, reagiert nicht unbedingt positiv auf eine maximale Dehnung.

Was Dehnen kann – und was nicht

Dehnen kann sinnvoll sein. Es hilft dabei, Beweglichkeit zu erhalten. Es kann subjektiv entspannend wirken. Und es kann den Übergang vom Trainingsmodus in die Erholung unterstützen. Was es in der Regel nicht leistet: Muskelkater zuverlässig verhindern oder die Regeneration spürbar „abkürzen“.

Für die Halbmarathon- oder Radmarathon-Vorbereitung ist das ein wichtiger Unterschied. Wer viele Kilometer sammelt, sollte Regeneration nicht auf eine einzige Maßnahme reduzieren. Schlaf, Ernährung, Trainingssteuerung und Belastungsaufbau bleiben die großen Hebel. Dehnen kann unterstützen, aber nichts davon ersetzen.

Foam Rolling: oft sinnvoller als sein Ruf

Was nach längeren Einheiten oft erstaunlich gut funktioniert, ist moderates Faszienrollen. Nicht als Kampf gegen „Verklebungen“, sondern als pragmatische Methode, um Spannungsgefühle zu reduzieren und die Beweglichkeit kurzfristig zu verbessern.

Vor allem Waden, Gesäß und Oberschenkel können nach langen Läufen davon profitieren. Auch das subjektive Erholungsgefühl kann sich verbessern – und das ist im Trainingsalltag nicht zu unterschätzen. Denn wer sich am nächsten Tag weniger „erledigt“ fühlt, bewegt sich meist auch wieder besser.

Wichtig ist nur: moderat bleiben. Kein aggressives Rollen, kein schmerzhaftes Aushalten. Die Intensität sollte spürbar, aber kontrolliert sein.

Für Läufer: lieber kurz und gezielt als lang und hart

Wenn ich nach dem Laufen noch fünf bis zehn Minuten investiere, würde ich eher eine kleine Kombination wählen als ein starres Stretching-Programm:

  • Fußsohle mit einem Ball lockern.
  • Waden langsam ausrollen.
  • Das Gesäß mobilisieren.
  • Danach ein sanfter Stretch für die hintere Oberschenkelmuskulatur.
  • Zum Schluss eine leichte Dehnung für die Hüftbeuger.

Mehr braucht es oft gar nicht. Entscheidend ist, dass die Intensität moderat bleibt. Auf einer Skala von 1 bis 10 eher im Bereich 5 oder 6 – nicht darüber.

Für Radfahrer gelten etwas andere Schwerpunkte

Nach langen Radausfahrten stehen meist andere Strukturen im Fokus. Durch die Sitzposition und die monotone Bewegung geraten vor allem Hüftbeuger, Quadrizeps, Lendenwirbelsäule und Brustwirbelsäule in den Blick.

Hier bringt klassische Dehnung oft weniger als eine gute Mobilisation. Wer viel im Sattel sitzt, profitiert meist stärker von kontrollierten Bewegungen, die den Oberkörper wieder aufrichten, die Hüfte öffnen und die Brustwirbelsäule in Rotation oder Streckung bringen. Dabei den Körper bewusst aus der Position herausführen, in der er über Stunden gearbeitet hat.


Hast du andere Erfahrungen gemacht? Schreib mir gerne unter abenteuer@hochblau.de


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Dehnen ist nach dem Sport kein Muss, kann aber helfen, Beweglichkeit zu erhalten und nach langen Einheiten wieder in den Erholungsmodus zu finden.

KOLUMNE "FINDE DEIN ABENTEUER"
Jean Secré, Chefredakteur des hochblau Magazins, liebt das Abenteuer – ob beim Schreiben, Wandern oder auf literarischen Pfaden. In seiner Kolumne schreibt er über Themen die ihn bewegen, über Technik, Ausrüstung und die nächste ganz persönliche Challenge.

ÜBER JEAN SECRÉ
Jean schreibt für das hochblau Magazin über die Kategorien "Bewegung" und "Entdecken". Seit Januar 2026 schreibt er zudem die regelmäßige Kolumne "Finde dein Abenteuer".

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KOLUMNE: ACHTSAME MOMENTAUFNAHMEN Vom Wald und seinen Farben, vom Gehen, Schauen und Lauschen, von Stille und vom Gefühl: Dieser Moment ist genug. »zum Beitrag Zwitschernde Stille im Wald

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Beitragsbild © Alex from the Rock/Adobe Stock, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen

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