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Juliana Trail: Ein Sommer zwischen zwei Leben

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FERNWANDERN IN SLOWENIEN

Juliana Trail: Ein Sommer zwischen zwei Leben

Vier Wochen, rund 400 Kilometer und eine besondere gemeinsame Zeit: Sabine Prinz wandert mit ihrer zehnjährigen Tochter auf dem Juliana Trail durch Slowenien. Eine persönliche Geschichte über Vertrauen, Mut, kleine Abenteuer und die Erfahrungen, die Mutter und Tochter miteinander verbinden.


Von Sabine Prinz, hochblau Redaktion
04.11.2026
Lesezeit: ca. 7 Minuten


400 KILOMETER GEMEINSAM UNTERWEGS Sabine Prinz und ihre zehnjährige Tochter auf dem Juliana Trail in Slowenien. Vier Wochen lang entdecken sie gemeinsam die Julischen Alpen – und erleben dabei weit mehr als eine Wanderung Foto: Sabine Prinz

400 Kilometer, 4 Wochen, 4 Füße

Die Idee entstand in einer Zeit des Übergangs. Ich bereitete gerade meine Selbstständigkeit vor. Zwischen dem Absprung aus dem bisherigen Berufsleben und dem Start meines neuen Unternehmens lag ein seltenes Zeitfenster. Wann würde ich mir wieder vier Wochen am Stück eine Auszeit nehmen können? Und wie lange würde meine Tochter noch Lust auf so viel gemeinsame Ferienzeit haben, bevor sie genug eigene Pläne hätte?

Schon länger hatte ich den Juliana Trail in Slowenien im Blick. Der rund 270 Kilometer lange Fernwanderweg umrundet die Julischen Alpen an den Grenzen zu Österreich und Italien. Er verbindet ganz unterschiedliche Landschaften rund um den Triglav-Nationalpark: stille Täler und bewaldete Hänge, Bergpässe und abgelegene Hochebenen, kleine Dörfer und lebendige Ferienorte. Über allem thront der höchste Berg Sloweniens: der Triglav mit 2.864 Metern.

Mit Zu- und Abwegen, Etappenvarianten und dem einen oder anderen Irrweg wurden daraus rund 400 Kilometer. Eine Zahl, die beeindruckend klingt, aber unterwegs erstaunlich wenig bedeutet. Denn morgens zählt nicht, wie viele Kilometer wir schon hinter uns haben. Sondern wie weit es bis zum nächsten Ort ist, ob der Rucksack gut sitzt und wann wir wohl eine Pause machen.

Alles auf dem eigenen Rücken

Wir tragen unser Gepäck selbst. Was meine Tochter braucht, trägt sie alleine. Die gemeinsamen Dinge wie Powerbank, Zahnpasta oder Zusatzproviant übernehme ich.

Unsere Unterkünfte sind so unterschiedlich wie die Tage selbst. Einmal schlafen wir in einem Wellnesshotel, ein anderes Mal ist alles sehr einfach im Schlafsaal. Ebenso verhält es sich mit dem Essen. Manchmal kochen wir nur mithilfe eines Wasserkochers und zwei Tassen Tortellini mit Käsesahnesoße. An anderen Abenden gönnen wir uns ein Drei-Gänge-Menü, dann wieder ein Picknick mit Käse aus der Sennerei und frischem Bauernbrot.

Wir genießen die vielen kleinen und großen Höhepunkte. Gleichzeitig lernen wir, mit dem auszukommen, was gerade da ist. Nicht jede Unterkunft ist perfekt, nicht jeder Weg verläuft nach Plan und auch das Wetter macht uns manchmal einen Strich durch die Rechnung. Aber immer findet sich eine Lösung.

Das gilt auch für die Herausforderungen unterwegs. Auf einem Zuweg zu unserer Unterkunft in der Nähe von Jesenice müssen wir einen steilen Hang hinunter. Ein dünnes Drahtseil ist die einzige Hilfe. Hier sind viel Trittsicherheit und Kraft in den Oberschenkeln gefragt. Ich bin selbst nicht schwindelfrei. Trotzdem muss ich meiner Tochter erklären, wie sie sich bewegen und worauf sie achten soll.

Sie vertraut mir. Stück für Stück geht sie weiter. Ich kann ihr die Angst nicht abnehmen, und ich kann ihr auch nicht versprechen, dass sich der Weg plötzlich leichter anfühlt. Ich kann nur bei ihr bleiben, ihr Orientierung geben und ihr zutrauen, dass sie es schafft.

Und sie schafft es.

GEMEINSAM HERAUSFORDERUNGEN MEISTERN Nicht jeder Abschnitt des Juliana Trails ist einfach. Auf steinigen und steilen Wegen sind Trittsicherheit, Konzentration und gegenseitiges Vertrauen gefragt Foto: Sabine Prinz

Solche Momente sind es, in denen Vertrauen eine andere Qualität bekommt. Natürlich kenne ich mein Kind. Ich weiß, was es kann und was ihm schwerfällt. Aber im Alltag bleibt vieles theoretisch. Auf dem Wanderweg zeigt sich, was tatsächlich in ihr steckt. Sie erlebt, dass sie eine schwierige Situation bewältigen kann. Nicht, weil sie keine Angst hat, sondern obwohl sie Angst hat.

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Mama, jetzt komm schon!

Natürlich verläuft nicht jeder Tag reibungslos. Schon gar nicht, wenn zwei Menschen miteinander unterwegs sind, deren Vorstellungen von einem gelungenen Wandertag gelegentlich auseinandergehen.

Ich bin häufig diejenige, die begeistert stehen bleibt, weil sich ein neues Tal öffnet oder ein Fluss in einem unwirklichen Türkis zwischen den Bäumen hindurchschimmert. Meine Tochter lässt sich davon nicht immer beeindrucken. Die Landschaft ist schön, ja. Aber irgendwann ist sie eben auch wieder Landschaft. Dann braucht es Motivation, ein nächstes Ziel, eine kleine Belohnung oder Ablenkung.

Umgekehrt unterschätze ich regelmäßig, wie viel Energie in einem zehnjährigen Kind steckt. Nach einer Etappe von 23 Kilometern und mehr als 1.100 Höhenmetern bin ich froh, wenn ich endlich die Unterkunft erreicht, geduscht und meine Beine hochgelegt habe. Meine Tochter dagegen kommt frisch gemacht aus dem Bad, hüpft vor mir her in Richtung Eisdiele und fordert mich zum Wettrennen auf.

WANDERN MIT KIND Zwischen langen Etappen und anstrengenden Aufstiegen bleiben kleine Belohnungen, spielerische Pausen und jede Menge Entdeckerfreude wichtige Begleiter Fotos: Sabine Prinz

Ich sehe sie an und frage mich, woher sie diese Energie nimmt. Und sie lernt vermutlich, dass ihre Mutter nicht unendlich belastbar ist, auch wenn das im Alltag manchmal so scheinen mag.

Es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob ich uns zu viel zugemutet habe. Ob die Etappen zu lang sind, ob die Planung gut genug war, ob diese Reise wirklich so eine gute Idee ist, wie sie sich zu Hause angefühlt hat. In solchen Momenten der Erschöpfung und des Zweifelns ist es meine Tochter, die mich bestärkt. Sie erinnert mich daran, wie schön es ist, gemeinsam unterwegs zu sein, und wie besonders das alles ist.

Gespräche ohne Agenda

Im Alltag reden wir oft zwischen Tür und Angel. Beim Essen, auf dem Weg zu einem Termin, kurz vor dem Schlafengehen. Es gibt Abläufe, Verpflichtungen und Dinge, die erledigt werden müssen. Gespräche beginnen, werden unterbrochen und später vielleicht wieder aufgenommen. Häufig ist schon der nächste Gedanke schneller da, als der vorherige zu Ende gedacht ist.

Auf dem Wanderweg haben wir stundenlang Zeit und als Gesprächsstoff zunächst einmal nur uns selbst und die Welt, durch die wir gehen. Es tut gut, sich nicht nur zweckgebunden zum Informationsaustausch, zur Entscheidungsfindung oder zu Organisatorischem unterhalten zu müssen.

Manchmal reden wir über etwas, das uns beschäftigt, und folgen einem Gedanken viel länger, als wir es zu Hause getan hätten. Wir singen gemeinsam die Lieblingslieder des jeweils anderen. Sie erklärt mir, welche davon gerade angesagt sind, und ich erzähle ihr die Geschichten aus meinem Leben, die ich mit meinen Songs verbinde. Wir bestimmen Pflanzen und Tiere oder versuchen, uns ohne die Worte „Ja“ und „Nein“ zu unterhalten.

ÜBER TÜRKISFARBENES WASSER Eine schmale Hängebrücke bei Kobarid führt über das klare Wasser der Soča. Die Flusslandschaft gehört zu den eindrucksvollsten Naturerlebnissen entlang der Wanderreise Foto: Sabine Prinz

Und dann gibt es die Zeiten, in denen wir gar nicht reden. Wir lauschen unseren eigenen Schritten, den Geräuschen der Natur und schärfen unsere Sinne. Die Stille fühlt sich gut an, ohne den Zwang, etwas sagen zu müssen.

Auch Langeweile gehört dazu. Nicht jede Stunde ist spannend, nicht jeder Weg bietet ein neues Spektakel. Wir müssen lernen, uns selbst zu beschäftigen und miteinander auszukommen, ohne dass ständig etwas passiert.

BERGWELT ZUM STAUNEN Der Raibler See bei Tarvisio liegt auf der italienischen Seite der Julischen Alpen. Nach einer anstrengenden Bergetappe lädt das klare Wasser zu einer erfrischenden Pause ein Foto: Sabine Prinz

Das ist manchmal anstrengender als die Kilometer. Denn während man sich im Alltag aus dem Weg gehen kann, wenn die Stimmung kippt, führt ein gemeinsamer Wanderweg zuverlässig weiter in dieselbe Richtung. Man muss sich miteinander arrangieren, auch wenn man gerade keine Lust aufeinander hat.

An einem genau solchen Tag passiert es. Meine Tochter läuft voraus und ich stapfe ganz in Gedanken versunken hinterher. Da fallen mir ungewöhnliche Hinterlassenschaften am Wegesrand auf. Wie sieht eigentlich Bärendreck aus? Während ich versonnen darüber nachdenke, bewegt sich plötzlich nicht weit von uns etwas zwischen den Bäumen.

Dunkelbraunes Fell, zottelig, groß, in Bewegung. Ein Bär!

Mein Herz bleibt kurz stehen. Auf einmal ist diese Gewissheit da: Wenn es darauf ankommt, stelle ich mich vor mein Kind. Keine Zeit für lange Überlegungen, keine Zweifel, ob ich mutig genug bin. Ich würde es einfach tun.

Dann ein „Mäh“. Noch eins. Und dem braunen Fell folgen weiße. Schafe. Eine ganze Herde. Mitten im Wald.

Ich atme aus. Die Knie zittern und wir lachen erleichtert über die Verwechslung. Wie unsinnig uns der vorherige Streit nun vorkommt. Hand in Hand laufen wir weiter.

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Vier Wochen, die bleiben

In den folgenden Tagen schwimmen wir in warmen Seen, ruhen auf Wiesen mit Blick in den Himmel und springen von sieben Meter hohen Felsen beim Rafting ins Wildwasser. Wir erklimmen Pässe mit sagenhaftem Ausblick, erfrischen uns in der elf Grad kalten Soča und sausen an Stahlseilen über 800 Meter breite Schluchten. Wir erfahren in Museen viel über die bewegte Geschichte des Landes, erkunden sagenumwobene Schluchten und essen mit viel Appetit alpenländische Gerichte.

NATURERLEBNIS IN DEN JULISCHEN ALPEN Vor einem Wasserfall im Fratarica-Tal bei Log pod Mangartom genießt Sabines Tochter einen besonderen Moment ihrer vierwöchigen Wanderreise Foto: Sabine Prinz

GRENZEN ÜBERSCHREITEN Auf der letzten Etappe führt die Wanderung von Italien zurück nach Kranjska Gora in Slowenien. Ein gemeinsamer Moment am historischen Grenzstein hält eine weitere Etappe des Abenteuers fest Foto: Sabine Prinz

STILLE AM MORGEN Sonnenstrahlen durchbrechen den Morgennebel und beleuchten einen traditionellen slowenischen Kozolec, ein Holzgestell zum Trocknen von Heu Foto: Sabine Prinz

Doch was bei all diesen Abenteuern, der grandiosen Landschaft und den freundlichen Menschen von dieser Reise bleibt, ist vor allem das Gefühl, wie viel mir meine Tochter bedeutet.

VIER FÜSSE, EIN GEMEINSAMER WEG Rund 400 Kilometer, vier Wochen und unzählige gemeinsame Erlebnisse: Was von dieser Wanderung bleibt, ist vor allem die besondere Zeit zwischen Mutter und Tochter Foto: Sabine Prinz

Zahlen, Daten, Fakten

Über Sabine Prinz
Sabine Prinz schreibt regelmäßig für das hochblau Magazin und gehört zum festen Kreis der hochblau Redaktion. Sie ist zertifizierte DWV-Wanderführerin® und erfahrene systemische Coachin. Als Reiseveranstalterin verbindet sie ihre Leidenschaft fürs Unterwegssein mit Persönlichkeitsentwicklung und gestaltet Coaching-Wanderreisen, die bewusst über das klassische Natur- und Wandererlebnis hinausgehen. Jede Reise widmet sich einem eigenen Thema und richtet sich besonders an Menschen in Phasen der Veränderung – etwa bei einem Berufswechsel, nach einer Trennung, zum Start in den Ruhestand oder nach einer herausfordernden Zeit. In der Bewegung und im Erleben der Natur schafft Sabine Prinz Raum für Klarheit, neue Perspektiven und stimmige nächste Schritte – immer eingebettet in eindrucksvolle Landschaften.

Mehr zu Sabine Prinz und ihren Coaching-Wanderreisen gibt es auf ihrer Website:
www.prinzpiration.de

Termine mit Sabine Prinz
Du möchtest mehr über die Psychologie des Unterwegsseins erfahren und wie du sie für dich nutzen kannst?

Im Rahmen der Mundologia, dem Festival für Fotografie, Abenteuer und Reisen in Freiburg, hält Sabine Prinz am Freitag, 29. Januar 2027, um 20:15 Uhr das Seminar „Kopfsache Wandern“.

Mehr über das Seminar „Kopfsache Wandern“ bei der Mundologia:
Informationen zum Seminar mit Sabine Prinz auf mundologia.de

Oder erlebe selbst die positiven Effekte bei einer Wanderreise mit prinzpiration – zum Beispiel bei einem ganz besonderen Jahresausklang Ende November 2026 auf der grünen Kanareninsel La Gomera zum Thema „Neue Perspektiven“.

Unter dem Motto „Mehr als Rente“ lädt Sabine Prinz Anfang April 2027 zu einer fünftägigen Wanderreise an die Algarve ein. Im Mittelpunkt stehen Bewegung, neue Perspektiven und die Frage, wie sich der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt bewusst gestalten lässt.

Wer mehr über die Veranstaltungen und Reisen mit Sabine Prinz erfahren oder sich für die Wanderkurse „Leichte Hilfe für lange Touren“ von Sabine Prinz interessiert, findet alle weiteren Informationen auf ihrer Website.

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Lies auch den Beitrag "Weitwandern mit Wirkung" von Sabine Prinz. Weitwandern soll befreien, doch oft reisen ungelöste Fragen mit, sagt Sabine Prinz und geht der Frage nach, wie wir unterwegs unsere mentale Gesundheit bewahren und sogar stärken können.
»zum Beitrag Weitwandern mit Wirkung

Abbildungen
Beitragsbild © Sabine Prinz, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen


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