700 Kilometer auf dem Yukon River – auf einem selbstgebauten Floß
Anjas und Michas Yukon-Abenteuer
Mit dem Strom: 700 Kilometer Yukon auf einem selbstgebauten Floß
Zwischen Grizzlys, Goldgräberruinen und endloser Wildnis erfüllen sich Anja und Michael einen Lebenstraum: eine Floßexpedition auf dem Yukon River – so nah an den Pionieren wie möglich, aber mit moderner Technik und viel Erfahrung im Gepäck.
Der Yukon ist kein Fluss, den man einfach befährt, vielmehr ist er ein Gewässer dessen Ursprünglichkeit man sich aussetzt. Als wir in Whitehorse ablegen, weiß ich: Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Nur noch vorwärts – mit dem Strom, mit der Zeit, mit allem, was kommt.
Whitehorse ist die Hauptstadt des Yukon-Territoriums in Kanada. Der Yukon selbst ist ein wildes, bergiges und spärlich besiedeltes Gebiet im Nordwesten Kanadas, benannt nach dem Yukon River der es durchfließt. Der Strom entspringt in der kanadischen Provinz British Columbia, passiert irgendwann die Grenze nach Alaska (USA) und mündet in die Beringsee.
FLOSS & AUSRÜSTUNG Startklar für den Yukon: Das fertig montierte Expeditionsfloß und ein Blick auf die Ausrüstung an Bord – inklusive Solarpanel zur Energieversorgung sowie Satellitentelefon. u-float aus Riga stellte den kompletten "Floß-Baukasten" bereit; m-cramer Satellitenservice aus Darmstadt und Dresden stattete die Tour mit Satellitenkommunikation aus Foto: Michael Kresse
Unser Zuhause liegt unter unseren Füßen. Sieben Meter Floß, darauf Zelt, Ausrüstung, Leben. Wir schlafen auf dem Wasser, kochen auf dem Wasser, treiben auf dem Wasser. Schon nach den ersten Stunden verschwindet das Gefühl, unterwegs zu sein. Es fühlt sich an, als wären wir angekommen.
Ich kenne den Yukon seit Jahrzehnten. 1995 war ich zum ersten Mal hier, im Kajak. 2002 bin ich ihn komplett bis zur Beringsee gefahren – 3.000 Kilometer allein. Trotzdem ist diese Reise anders. Kein permanentes Paddeln, kein Kämpfen. Diesmal lasse ich mich tragen. Genau das wollte ich.
Ein alter Traum und ein neuer Weg
Der Wunsch nach einer Floßfahrt reicht weit zurück. In meiner Jugend in der DDR waren die Bücher von Jack London eines der wenigen Fenster in eine andere Welt. Freiheit, Weite, Abenteuer. Am Yukon liegen diese Geschichten am Ufer: verfallene Blockhäuser, alte Anlegestellen, Orte des Aufbruchs. Ich wollte diese Landschaft nicht durchqueren, sondern erleben – so wie damals, treibend, abhängig vom Fluss.
Ein klassisches Holzfloß kam für mich nicht mehr infrage. Zu schwer, zu unpraktisch. Ich suchte lange nach einer Lösung, zwei Boote stabil zu verbinden, ohne sie zu beschädigen. Erst 2022 fügte sich alles zusammen. Ich schrieb mehrere Firmen an. Frank Kuks, Geschäftsführer von Ufloat antwortete.
Frank arbeitete gerade an einem neuen Aluminium-Rahmensystem zur Verbindung von Pontons. Als ich ihm vom Yukon erzählte, wurde ihm schnell klar, dass es mehr als ein Gedankenspiel war. Und wir waren uns schnell einig, dass das Yukon Projekt ein Produkttest des neuen Systems auf Herz und Nieren sein würde. „Wenn es den Yukon übersteht, wird es auch die Brandenburger Seenplatte überstehen“, bekräftigte Frank. Kurze Zeit später stand er bei mir vor der Tür, und das Projekt nahm Fahrt auf.
Whitehorse – Schrauben, Nieten, Vertrauen
Ich flog eine Woche vor Anja nach Whitehorse. Alle Komponenten für das Boot waren bereits angekommen. Als ich die Lieferung in Augenschein nahm, staunte ich nicht schlecht. Frank hatte an alles gedacht, sogar an spezielles Nietwerkzeug, mit dem ich vorher noch nie gearbeitet hatte, war dabei. Dann hieß es schrauben, messen, nieten. Pontons, Rahmen, Deck – alles griff präzise ineinander. Zehn Stunden Arbeit, dann lag es da. Fertig. Stabil. Vertrauenerweckend.
Die Marina übernahm den Transport zum Fluss. Dafür überließen wir ihr am Ende der Reise das Floß. Auch das war Teil dieses Abenteuers: Vertrauen geben, Vertrauen bekommen.
Als Anja in Whitehorse ankam, war alles bereit. Die ersten Tage waren Lernzeit. Der Außenbordmotor war neu für mich. Ich musste praktisch erfühlen, wie das Gewicht arbeitete, wie die Strömung zog. Das Floß muss immer gerade gehalten werden, sonst dreht es. Anja stand vorne am Steuerruder, ich hinten am Motor. Dieses Zusammenspiel pendelte sich ein und war mitentscheidend. Alleine hätte ich das nicht geschafft.
Alltag auf dem Wasser
Der Alltag stellte sich bald ein. Wir wachten mit Vogelstimmen auf, manchmal mit dem Rascheln von Tieren am Ufer. Das Zelt blieb auf dem Boot aufgebaut, wir schliefen direkt auf dem Wasser. Frühstück, eine kurze Wäsche im Yukon – elf Grad, kalt, aber ehrlich. Alles, was Wildtiere anlocken könnte, lagerten wir weit entfernt an Land. Denn der Yukon ist Bärenland. Schon am dritten Tag standen wir einer Grizzlybärin mit Jungtier gegenüber. Der Bärenschreck klärte die brenzlige Situation. Was blieb, war Demut.
Das Glück liegt im Ungewöhnlichen. Im Unbekannten. Und manchmal darin, loszulassen und sich treiben zu lassen. – Michael Kresse –
Wir trieben mit etwa neun Kilometern pro Stunde nordwärts. Rund 40 Kilometer am Tag. Wir hätten schneller sein können, wollen es aber nicht. Die Nächte waren hell bis spät in den Abend. Um nicht zu früh anzukommen, legten wir bewusst Ruhetage ein. Der Weg zählte für uns mehr als das Ziel.
Das Floß veränderte meine Wahrnehmung. Ich stehe darauf höher, sehe weiter. Die Landschaft zog nicht vorbei, sie öffnete sich. Floßfahren ist kein Fortkommen, es ist ein Zustand. Nicht gegen den Strom, sondern mit ihm. Abends hatte ich nur einen Wunsch: dass es gleich wieder Morgen wird.
Einsamkeit, Begegnungen, Prüfungen
Begegnungen mit anderen Menschen waren selten, aber intensiv. Wenn uns jemand sah, hielten wir, wurden befragt und tatsächlich auch etwas bestaunt. Oft hörte ich: „Das ist ja wie in den alten Zeiten.“ Dazwischen gab es lange Phasen völliger Einsamkeit. Kein Mensch, kein Motor. Nur Wasser, Wind, Weite. Der Yukon ist bekannt – und doch erstaunlich leer.
Manche Momente der Tour brannten sich ein. Die Five Finger Rapids. Drei Tage Anspannung, dann zehn Sekunden Durchfahrt. Kein Drama. Oder die Schlammbank, die das Floß festhält wie ein Saugnapf. Zentimeter für Zentimeter kämpften wir uns frei. Der starke Gegenwind, der uns auf eine Kiesbank drückte – und das Floß, das sich selbst drehte und zurück in die Fahrrinne fand. Ich blicke heute zurück und denke: Wahnsinn.
Ankommen – und doch nicht fertig mit dem Yukon
In Fort Selkirk, einer rekonstruierten Goldgräbersiedlung aus dem 19. Jahrhundert, machten wir Station. Ein besonderer Ort, genau richtig, dachten wir und erneuerten hier unser Ehegelöbnis. Für Anja und mich ein großes Ritual. Und endlich konnte ich ihr auch zeigen, wovon ich all die Jahre erzählt hatte. Jetzt waren wir gemeinsam hier.
Zwanzig Tage auf sieben Metern können alles auf die Probe stellen. Bei uns passierte das Gegenteil. Kein Streit, keine Reibung. Anja kennt diese Momente jenseits der Komfortzone. Sie bleibt ruhig, auch wenn es anstrengend wird. Ohne sie wäre diese Reise nicht möglich gewesen.
Als wir Dawson erreichten, lagen 703 Kilometer hinter uns. Der Großteil davon treibend. Es war eine großartige, eine echte Floßtour. Dann verabschiedeten wir uns von unserem treuen Floß, es blieb wie vereinbart bei der Marina.
Als wir auf dem Fluss unterwegs waren, hatten mich viele gefragt, was danach mit dem Floß passiert. Vielleicht ist es gut so, dass es hier am Fluss bleibt, dachte ich. Es gehört jetzt zum Yukon.
Und ich dachte auch, ich wäre jetzt fertig mit diesem Fluss. Aber das bin ich nicht. Der Yukon ist wie ein alter Freund. Es wird ein Wiedersehen geben. Vielleicht sogar ein längeres Wiedersehen. Eine Blockhütte. Oder ein Hausboot.
Zahlen, Daten, Fakten
ÜBER MICHAEL KRESSE
Michael Kresse ist 57 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seine ersten Outdoor-Erfahrungen sammelte er beim Trampen nach Bulgarien und beim Paddeln im Donaudelta. Daraus entwickelte sich eine konsequente Outdoor-Agenda mit großen Touren: Paddelabenteuer auf dem Noatak River (Alaska) und dem South Nahanni River (Kanada) im Kanu, sowie Kajaktouren auf Yukon River und Porcupine River (Kanada/Alaska). Zu Fuß kennt er Skandinavien von Touren auf dem Nordkalottenleden, Padjelantaleden, Kungsleden und der Vålådalen-Roundtour; zusätzlich war er in Schweden auf Schlittenhundetouren unterwegs.
ÜBER DEN YUKON RIVER
Der Yukon River ist weit mehr als ein Fluss. Er ist das verbindende Element eines riesigen, dünn besiedelten Raums im Nordwesten Kanadas, der von Gebirgen, Wäldern und endlosen Tundralandschaften geprägt ist. Seine Quelle liegt in der kanadischen Provinz British Columbia, von dort aus bahnt er sich seinen Weg über mehr als 3.000 Kilometer durch das nach ihm benannte Yukon-Territorium und weiter durch Alaska bis in die Beringsee. Über Jahrhunderte hinweg war der Yukon Lebensader, Transportweg und Orientierung zugleich – zunächst für die indigenen Völker der Region, später für Trapper, Händler und Goldsucher. Noch heute bestimmt er Rhythmus und Richtung des Landes, denn Straßen sind hier selten, Entfernungen groß und der Fluss oft der einfachste Weg, voranzukommen. Wer auf dem Yukon unterwegs ist, bewegt sich nicht nur durch eine Landschaft, sondern durch Geschichte – getragen von seiner Strömung, die sich langsam, kraftvoll und unerbittlich ihren Weg bahnt.
Diese Unternehmen haben Michael Kresse mit Know-how und Material unterstützt:
- Floß: Website Firma UFLOAT SIA
- Satellitenkommunikation: Website Firma m-cramer Satellitenservices
TECHNISCHE DETAILS ZU FLOSS & STRECKE
Größe, Bauweise, Antrieb, Steuerung
- Abmessungen: 7,10 × 2,40 m
- Bauweise: Katamaran mit zwei Pontonreihen
- Rahmen & Pontons: Ufloat-System (Aluminium)
- Deck: WPC-Dielen, festgenietet
- Freibord: ca. 50 cm
- Gewicht: ca. 800–900 kg voll beladen
- 10-PS-Außenbordmotor (führerscheinfrei in Kanada)
- Zwei Steuerruder (vorne und hinten)
Zurückgelegte Strecke
- Gesamt: 703 km
- Treibend: ca. 620 km
- Motorfahrt: ca. 50 km (Laberge-See)
DAS BENUTZTE EQUIPMENT
Hardware, Camping, Sicherheit, Verpflegung
- Satellitentelefon
- Drohne mit Ersatzakkus
- Solarpad und große Powerbank
- Gute Fotokamera
- Zelt (permanent auf dem Floß aufgebaut)
- Schlafsäcke und Isomatten
- Kocher und hochwertiges Kochgeschirr
- Säge und Beil
- Zwei Schwimmwesten (permanent getragen!)
- Bärenspray und Bärenschreck
- Anker (vorne und hinten)
- Lebensmittel für die gesamte Reise
- Nachversorgung in Carmacks (ca. 300 km nach Whitehorse) möglich
ABBILDUNGEN
Beitragsbild © Michael Kresse, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen
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