Entspannung auf Knopfdruck? Warum Abschalten schwerfällt

GESUNDHEIT | Stress & Entspannung

Entspannung auf Knopfdruck?

Warum unser Nervensystem bei „Du musst dich nur entspannen“ nicht einfach mitmacht.


Von J. Rached, Gesundheitspädagogin und Autorin
27.10.2026
Lesezeit: ca. 4 Minuten


ENDLICH ZEIT FÜR EINE PAUSE Doch auch wenn wir zur Ruhe kommen wollen, lässt sich das Nervensystem nicht einfach abschalten Foto: hochblau Verlag KI-generierte Illustration

Wir planen heute ziemlich viel: Termine, Mahlzeiten, Bewegung, Schlaf – und inzwischen sogar unsere Pausen. Die Me-Time bekommt einen Platz im Kalender, die Smartwatch erinnert ans Atmen und irgendwo dazwischen soll bitte noch etwas „für mich“ passieren. Eigentlich vernünftig. Wäre da nicht dieser kleine Haken: Der Körper scheint den Plan nicht immer gelesen zu haben.

Da ist endlich Zeit für Ruhe – und trotzdem ist man innerlich noch auf Empfang. Also versucht man es etwas gründlicher: bewusster atmen, weniger aufs Handy schauen, früher schlafen, besser loslassen. Und plötzlich wird ausgerechnet Entspannung zu etwas, das man offenbar auch noch richtig machen muss.

„Du musst dich einfach mal entspannen“, heißt es dann gern. Gut gemeint. Für mich gehört der Satz trotzdem in dieselbe Schublade wie: „Denk einfach nicht darüber nach.“

Ach so. Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?

Unser Nervensystem hat keine To-do-Liste

Unser autonomes Nervensystem arbeitet ständig im Hintergrund – ganz ohne App, Reminder oder To-do-Liste. Es kümmert sich um Dinge, über die wir normalerweise nicht nachdenken müssen: Herzschlag, Verdauung, Kreislauf und darum, den Körper immer wieder an das anzupassen, was gerade gebraucht wird. [1]

Mit dabei sind Sympathikus und Parasympathikus. Vereinfacht gesagt hilft der Sympathikus uns dabei, wach, aufmerksam und handlungsbereit zu sein, wenn etwas von uns verlangt wird. Der Parasympathikus unterstützt eher die ruhigeren Seiten des Systems – etwa Erholung, Verdauung und die Regulation der Herzfrequenz. [1]

Oft werden die beiden mit Gas und Bremse verglichen. Das macht es anschaulich, ist aber ein bisschen zu einfach. Denn unser Körper fährt nicht den ganzen Tag entweder Vollgas oder steht komplett auf der Bremse. Beide Systeme stimmen sich ständig miteinander ab.

Und genau deshalb kann unser Kopf zwar sagen: „So, jetzt entspannen wir.“

Unser Nervensystem könnte darauf vermutlich antworten: „Gute Idee. Ich muss nur noch kurz verarbeiten, was heute eigentlich alles los war.“

Auch Stress funktioniert nicht wie ein Lichtschalter. Gehirn, autonomes Nervensystem und hormonelle Systeme wirken zusammen, wenn unser Organismus auf Anforderungen reagiert. [2]

Das ist zunächst keine Fehlfunktion, sondern gehört zu unserer Fähigkeit, uns immer wieder an Situationen anzupassen.

SCHRITTE, SCHLAF UND HERZFREQUENZ Digitale Helfer machen vieles messbar. Doch Erholung ist kein weiterer Wert, den wir optimieren müssen Foto: hochblau Verlag KI-generierte Illustration

Der Vagusnerv – ziemlich gute PR für einen einzigen Nerv

Kaum ein Nerv wird derzeit so oft erwähnt wie der Vagusnerv. Dabei ist das Spannende an ihm eigentlich schnell erzählt: Er ist der zehnte von zwölf Hirnnervenpaaren und zieht vom Hirnstamm weit durch den Körper. Sein Name bedeutet sinngemäß „umherschweifend“ – ziemlich passend für einen Nerv, der an so vielen Stellen mitmischt. [3, 4]

Der Vagusnerv spielt im parasympathischen System eine wichtige Rolle und ist unter anderem an der Regulation von Herz, Atmung und Verdauung beteiligt. [4] So wichtig der Vagusnerv ist: Unser Nervensystem ist kein Soloprojekt.

Auch über unsere Atmung können wir Einfluss auf das autonome Nervensystem nehmen. Langsames, bewusstes Atmen kann unter anderem die Herzratenvariabilität verändern – vereinfacht gesagt die kleinen zeitlichen Unterschiede zwischen unseren Herzschlägen. [5]

Unser Körper reagiert also durchaus auf die Art, wie wir atmen. Nur funktioniert auch das nicht wie ein Rezept: dreimal tief einatmen, Stress weg.

KERZEN, WARMES WASSER UND ENDLICH ZEIT Doch innere Ruhe stellt sich nicht immer auf Knopfdruck ein Foto: hochblau Verlag KI-generierte Illustration

Wann wurde Ruhe eigentlich zur Leistung?

Vielleicht liegt genau hier der interessantere Punkt. Wir wissen heute unglaublich viel darüber, was uns guttun könnte. Und aus „könnte“ wird erstaunlich schnell „sollte“.

Ich sollte meditieren. Ich sollte besser schlafen. Ich sollte weniger aufs Handy schauen. Ich sollte endlich lernen, abzuschalten.

Selfcare klingt dann irgendwann verdächtig nach einer Nachricht aus dem Büro: Bitte heute noch erledigen.

Dabei muss Erholung nicht perfekt aussehen. Nicht jede Pause fühlt sich sofort ruhig an, nicht jede Methode passt zu jedem Menschen und nicht jeder freie Moment muss noch eine Gelegenheit zur persönlichen Weiterentwicklung werden.

Wir zählen Schritte, bewerten unseren Schlaf, beobachten unsere Bildschirmzeit – und irgendwann womöglich auch noch, ob wir heute erfolgreich genug entspannt haben.

Und nun frage ich mich:

Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass wir sogar im Nichtstun noch gut sein müssen?

Vielleicht brauchen wir nicht noch die nächste perfekte Methode zum Entspannen. Vielleicht beginnt Erholung genau dort, wo wir uns für einen Moment erlauben, kein Projekt zu sein.

Ergänzende Information

Zahlen, Daten, Fakten

Über die Autorin
J. Rached ist Gesundheitspädagogin, Autorin und Kolumnistin. Ihre Schwerpunkte liegen auf Nervensystemregulation, Stressprävention und Körperwahrnehmung. In ihren Texten hinterfragt sie gesellschaftliche Erwartungen und unseren Umgang mit Gesundheit und Selbstoptimierung.

Weitere Informationen:
www.freiraumwoellstadt.de

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