Heilbad war gestern? Warum Thermen- und Kurorte gerade eine neue Generation von Gästen anziehen

KURORTE IM WANDEL

Heilbad war gestern? Wenn Gesundheit zum Urlaub wird

Kur klingt nach gestern, Longevity nach morgen. Dabei steckt hinter vielem dieselbe Idee. Thermen- und Kurorte ziehen heute eine neue Generation von Gästen an – mit neuen Erwartungen an Gesundheit, Wellness, Bewegung und Urlaub. Niemand sollte das Gefühl bekommen, er müsse sich zwischen medizinischer Kompetenz und einem schönen Aufenthalt entscheiden.


Von Linda Schober, Gastautorin (hochblau Magazin)
01.10.2026
Lesezeit: ca. 8 Minuten


KURORTE IM WANDEL Historische Bäderarchitektur trifft auf neue Ansprüche: Heilbäder und Thermenorte suchen längst nach zeitgemäßen Formen für Gesundheit, Wellness und Urlaub Foto: Fiona Pröll / Pexels

Als ich vor 15 Jahren als sehr junge, frischgebackene Hoteleinkäuferin unterwegs war, bekam ich immer wieder Häuser als Wellnesshotels vorgestellt, bei denen ich vor Ort ziemlich schnell merkte: Eigentlich ist das hier noch eine klassische Kurklinik. Natürlich wurde viel investiert. Oft gab es einen neuen Hoteltrakt mit nagelneuen Zimmern, moderner Wellnessabteilung, Pool und einer großen Saunalandschaft. Im Altbau sah die Welt jedoch völlig anders aus: grün-weiße, abgelebte Behandlungsräume, Inhalationsgeräte, aus der Zeit gefallene Instrumente und Schautafeln, ältere Zimmertrakte und ältere, teilweise gesundheitlich stark eingeschränkte Kurgäste.

Die Häuser wussten selbst, dass da zwei Zielgruppen aufeinandertrafen, die sich miteinander nicht unbedingt wohlfühlten. Aber die Strategie war klar: Es wurde in die Zukunft investiert, weil – so ging damals die Sorge um – der klassische Kurgast irgendwann verschwinden würde. Ich habe mehrfach erlebt, wie unangenehm diese Begegnung für beide Seiten war. Oftmals gab es in den Häusern nur einen Speisesaal, und auch wenn die Gäste auseinandergehalten werden sollten, trafen sie doch am Abend aufeinander. Viele schlechte Bewertungen sind so entstanden. Nicht, weil der Kurgast besser oder schlechter ist als der Wellnessgast, sondern weil es bei einem Hotel auch immer um ein stimmiges Gesamtkonzept geht.

Der Wandel der klassischen Kurhotels

In meinen ersten Jahren im Hoteleinkauf habe ich solche Häuser häufiger gesehen. Viele wollten neue Gäste gewinnen, hatten aber noch keine überzeugende Antwort darauf gefunden, wie aus einem klassischen Kurhaus ein modernes Hotel wird. Ein Spa anzubauen und ein paar Zimmer zu renovieren, reichte dafür offensichtlich nicht. Die alte Welt blieb ja überall sichtbar.

Heute sind diese Brüche viel seltener geworden. Vor allem haben sich die Ansprüche der Gäste verändert. Ein 60-, 70- oder 80-jähriger Gast akzeptiert heute nicht automatisch ein abgewohntes Zimmer oder eine nüchterne Kantinenatmosphäre, nur weil er wegen seiner Gesundheit verreist. Er möchte ein gutes Bett, ein schönes Bad, vernünftiges Essen und einen Ort, an dem er sich gerne aufhält. Warum sollte jemand, der Physiotherapie braucht oder eine Heilquelle nutzt, plötzlich keinen Sinn mehr für gutes Design haben?

Auch die Forschung beschreibt Gesundheitstouristen längst nicht mehr als homogene Gruppe. Eine Untersuchung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen unterscheidet sechs Typen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Reisemotiven.1 Das entspricht ziemlich genau dem, was ich über die Jahre im Hotelmarkt beobachtet habe: Kur, Wellness, Prävention und normaler Urlaub lassen sich heute viel schwerer voneinander trennen als früher.

Die Kur ist nicht verschwunden – sie heißt heute nur anders

Dem Wort „Kur“ haften trotzdem immer noch ein paar Spinnweben an. Man denkt schnell an Trinkhalle, Anwendungen auf Verordnung und einen Tagesplan, der morgens schon feststeht. Gleichzeitig begegnen uns heute überall Begriffe wie Prävention, Regeneration, Resilienz, Recovery oder Longevity. Auch unsere heutige Arbeitswelt prägt diese Sprache. Wo früher eher von betrieblichem Gesundheitsmanagement gesprochen wurde, taucht heute immer häufiger der Begriff „Wellbeing“ auf. Vieles davon klingt ausgesprochen neu, obwohl die Grundidee dahinter ziemlich alt ist.

Wir wollen besser schlafen, uns mehr bewegen, Stress reduzieren, vernünftiger essen, den Rücken wieder in Ordnung bringen oder einfach rechtzeitig etwas für unsere Gesundheit tun. Genau darum ging es in Kurorten schon immer. Nur ziehen manche Begriffe heute besser als andere. „Longevity“ klingt für viele eben attraktiver als „Kur“, obwohl sich die Themen an einigen Stellen erstaunlich stark überschneiden.

Auch die Heilbäder selbst beschäftigen sich längst damit. Der Bayerische Heilbäder-Verband nennt Longevity, Resilienz und Prävention ausdrücklich als Zukunftsthemen.2 Aus meiner Arbeit kenne ich außerdem die Diskussion um Begriffe wie „Medical“. Medizinische Kompetenz bleibt wichtig, aber Hotels überlegen inzwischen viel genauer, wie prominent sie diese nach außen stellen. Der Gast möchte schließlich etwas für seine Gesundheit tun, ohne schon beim Öffnen der Website das Gefühl zu bekommen, er fahre in eine Klinik. Auch bei Reiseveranstaltern habe ich erlebt, dass der Zusatz „Medical Spa“ gern einmal gestrichen wird, weil er einfach nicht so sexy klingt wie „Wellnesshotel“ oder „Health Spa“.

ZWISCHEN THERME UND WELLNESS Gesundheit, Erholung und Urlaub lassen sich für viele Gäste heute kaum noch voneinander trennen Foto: Andrea Piacquadio / Pexels

Das alte Pfund der Kurorte

Dabei haben viele Kurorte etwas, das ein neu gebautes Wellnesshotel nicht so leicht kopieren kann: Thermal- und Heilwasser, Sole, Moor oder Heilklima. Hinzu kommen traditionelle Naturheilverfahren wie Kneipp. Diese ortsspezifischen Heilmittel und anerkannten Heilverfahren gehören bis heute zu den Grundlagen vieler Heilbäder und Kurorte.3

Früher reichte teilweise schon das „Bad“ im Ortsnamen, um bei Gästen einen bestimmten Ruf auszulösen. Ich erinnere mich an Gespräche, in denen uns Hoteleinkäufern noch hinterhergerufen wurde, dass Orte mit „Bad“ eine besondere Strahlkraft hätten und wir besonders dort nach tollen Hotels Ausschau halten sollten. Heute braucht es etwas mehr.

Eine Therme ist noch immer ein starkes Argument, aber das Erlebnis drumherum muss stimmen. Moor muss nicht aussehen, als würde die Anwendung seit 1973 unverändert durchgeführt. Heilklima lässt sich mit Wandern, Atemübungen oder Bewegung in der Natur verbinden. Und eine Heilquelle bekommt für viele Gäste erst dann Bedeutung, wenn jemand verständlich erklärt, welche Rolle sie im Gesundheitsangebot und während des Aufenthalts spielt.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass die alten Stärken der Kurorte ausgedient haben. Im Gegenteil. Viele davon passen hervorragend zum heutigen Interesse an Gesundheit und Prävention. Die Orte müssen nur aufpassen, dass ihre Darstellung nicht Jahrzehnte hinter dem tatsächlichen Angebot zurückbleibt.

Vom Kurgast zum selbstbestimmten Gesundheitsreisenden

Auch die Rolle des Gastes hat sich deutlich verändert. Bei vielen klassischen Kuraufenthalten, wie ich sie früher erlebt habe, war der Ablauf streng vorgegeben: Anreise mit dem Bus, Arzttermin, Anwendungen, feste Zeiten. Der Tagesablauf ergab sich weitgehend aus dem Behandlungsplan. Heute möchten viele Gäste sehr viel stärker selbst entscheiden, wie ihr Aufenthalt aussieht, und auch nicht mehr zwingend in einer Gruppe reisen.

Vielleicht möchte ich morgens Yoga machen, danach lange frühstücken und am Nachmittag wandern. Am nächsten Tag brauche ich vielleicht tatsächlich Physiotherapie und gehe anschließend in die Therme. Abends möchte ich trotzdem ein gutes Restaurant besuchen oder noch durch den Ort laufen. Gerade bei ambulanten Kurformen organisiert der Gast Unterkunft, Verpflegung und Aufenthalt weitgehend selbst und verbindet die medizinischen Leistungen mit seinem übrigen Tagesablauf.4

Das verändert auch die Anforderungen an die Hotels. Gesundheitskompetenz allein reicht nicht mehr. Ein hervorragender Physiotherapeut kann viel retten, aber wenn ich anschließend in ein dunkles Zimmer mit zwanzig Jahre altem Teppichboden zurückkehre, bleibt es trotzdem ein schlechtes Hotelerlebnis. Und wenn ich mehrere Tage an einem Ort verbringe, möchte ich irgendwann auch raus: wandern, Rad fahren, Kultur erleben oder schlicht einen schönen Nachmittag außerhalb des Hotels verbringen.

GESUNDHEIT IN BEWEGUNG Klassische therapeutische Angebote bleiben wichtig – gleichzeitig wird das Spektrum aus Bewegung, Prävention und aktiver Erholung breiter Foto: Funkcinės Terapijos Centras / Pexels

Bewegung darf Spaß machen

Physiotherapie ist deshalb natürlich nicht plötzlich überholt. Wenn mein Iliosakralgelenk Ärger macht, möchte ich jemanden, der fachlich weiß, was er tut. Rund um diese klassischen Anwendungen ist das Angebot aber viel breiter geworden. Yoga, Tai-Chi, Pilates, Wandern, Radfahren, Atemübungen, Aquafitness oder Meditation gehören in vielen Häusern inzwischen ganz selbstverständlich dazu. Auch Tanz taucht wieder häufiger auf.

Gerade das finde ich interessant, weil Bewegung damit nicht automatisch nach Therapie oder Trainingsplan aussieht. Man tut etwas für den Körper und hat im besten Fall einfach Freude daran. Der Deutsche Heilbäderverband beschreibt Prävention ebenfalls über das Zusammenspiel von Bewegung, Ernährung und Entspannung.5 Das ist wesentlich näher am heutigen Alltag vieler Gäste als ein starrer Anwendungskatalog.

Beim Essen hat sich ähnlich viel verändert. Gesundheitsküche bedeutete früher in manchen Häusern tatsächlich Vollkornbrot, Butter, Wurst, Käse und irgendwo noch ein Salatblatt. Heute erwarten Gäste frische Produkte, Gemüse, Salate, vegetarische Gerichte, hochwertige Eiweißquellen und eine Küche, bei der man merkt, dass jemand über Ernährung nachgedacht hat. Gesundes Essen darf schmecken, gut aussehen und trotzdem ein Genuss sein. Das klingt selbstverständlich, war es aber lange nicht.

Gesundheit hat kein bestimmtes Alter

Überhaupt halte ich die Einteilung in „junge“ und „alte“ Gesundheitsgäste inzwischen für immer weniger hilfreich. Der eine braucht mit 35 dringend eine Pause, weil der Beruf gerade alles auffrisst. Die andere entdeckt mit 52 das Fasten. Ein Paar Ende 60 möchte tagsüber Rad fahren und abends in die Therme. Und ein Gast mit 75 erwartet selbstverständlich ein modernes Zimmer und gutes Essen.

Bei einer Anhörung im Tourismusausschuss des Bundestages wurde 2026 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Anteil jüngerer Patienten im Gesundheitstourismus wächst.6 Mich überrascht das nicht. Gesundheit ist längst kein Thema mehr, das erst beginnt, wenn ein Arzt eine Kur verordnet. Viele Menschen beschäftigen sich früher damit, wie sie fit bleiben, besser schlafen, Stress reduzieren oder körperliche Beschwerden in den Griff bekommen.

Der „klassische Kurgast“, wie ich ihn zu Beginn meiner Berufslaufbahn kennengelernt habe, dürfte deshalb zunehmend verschwinden. Nicht, weil ältere oder kranke Menschen nicht mehr in Kurorte reisen, sondern weil sich die Grenzen zwischen den verschiedenen Gästen immer weiter auflösen.

Was moderne Kur- und Thermenorte heute leisten müssen

Wenn ich heute ein Kur- oder Gesundheitshotel besuche, wünsche ich mir deshalb vor allem, dass es seine fachlichen Stärken behält. Wenn ein Haus gute Physiotherapeuten beschäftigt, eine eigene Heilquelle besitzt oder seit Jahrzehnten Erfahrung mit Moor, Sole oder Kneipp hat, wäre es absurd, dieses Wissen zu verstecken, nur weil gerade andere Begriffe modern sind.

Aber der Rest muss ebenfalls stimmen. Ich möchte in einem schönen Zimmer schlafen, gut essen, eine ansprechende Sauna nutzen und mich im Hotel wohlfühlen. Ich möchte mich bewegen können, die Umgebung entdecken und zwischendurch auch einfach Urlaub haben. Niemand sollte das Gefühl bekommen, er müsse sich zwischen medizinischer Kompetenz und einem schönen Aufenthalt entscheiden.

Wenn ich heute durch ein Haus gehe, in dem morgens jemand zur Physiotherapie läuft, während nebenan eine Gruppe mit Yogamatten zum Kurs geht, später alle denselben Spa-Bereich nutzen und sich abends im Restaurant wiedertreffen, muss ich manchmal an die Hotels aus meinen ersten Berufsjahren denken. Damals versuchte man noch krampfhaft, Kur- und Wellnessgäste voneinander fernzuhalten. Zum Glück hat sich das verändert.

Zahlen, Daten, Fakten

ÜBER DIE AUTORIN
Linda Schober ist Touristikexpertin, Journalistin und Mitgründerin des Reiseveranstalters Wellturana. Sie war in leitenden Positionen bei großen deutschen und Schweizer Reiseveranstaltern tätig – unter anderem als Abteilungsleiterin, Head of Sales und Director of Sales. Im Laufe ihrer Karriere hat sie mehr als 2.000 Hotels persönlich kennengelernt und den Hotelmarkt aus Einkauf, Produktentwicklung und Vertrieb aus nächster Nähe begleitet.

Mit Wellturana hat sie gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin einen Reiseveranstalter aufgebaut, der sich auf ausgewählte Wellness-, Thermen-, Aktiv- und Genussreisen konzentriert. Statt Masse setzt Wellturana auf eine kuratierte Auswahl besonderer Hotels und Arrangements.

Ausgewählte Wellness-, Thermen-, Aktiv- und Genussreisen sowie weitere Informationen bei Wellturana: www.wellturana.de

QUELLEN UND WEITERE INFORMATIONEN

  • 1 Dennis Hürten / Katharina Kimmich: Zielgruppen deutscher Kurorte und Heilbäder – eine Mikrosegmentierung mittels Clusteranalyse, Zeitschrift für Tourismuswissenschaft, 12 (3), 2020, S. 427–444.
  • 2 Bayerischer Heilbäder-Verband: 79. Bayerischer Heilbädertag – Bayerns Heilbäder wollen sich neu erfinden. Zu den Zukunftsthemen Longevity, Resilienz und Prävention.
  • 3 Deutscher Heilbäderverband: Informationen zu Heilbädern und Kurorten sowie zu ortstypischen natürlichen Heilmitteln und anerkannten Heilverfahren.
  • 4 Deutscher Heilbäderverband: Informationen zu Kurformen und zur ambulanten Vorsorgekur.
  • 5 Deutscher Heilbäderverband: Prävention im Kurort. Zu Bewegung, Ernährung und Entspannung als Bestandteilen moderner Präventionskonzepte.
  • 6 Deutscher Bundestag, Ausschuss für Tourismus: Anhörung vom 10. Juni 2026 zum Gesundheitstourismus.

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Beitragsbild © Fiona Pröll / Pexels, restliche Abbildungen siehe Bildunterzeilen

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